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Freitag, 31. Januar 2014

(Don't) Ask Alice: Kleine Brüste vs. große Brüste

Das mit Alice Schwarzers Feminismus ist sowas wie eine schwierige Sache – als ich noch dachte, die Geschlechtergleichheit sei schon durchgesetzt und Feministinnen latzhosentragende Relikte der 80er Jahre, war Alice Schwarzer als das Aushängeschild des deutschen Feminismus, Emma und so, nicht gerade eine Sympathieträgerin. Später, als mir klar wurde, daß Sexismus leider immer noch an der Tagesordnung ist und halt nicht mehr einfach als patriarchale Unterdrückung von Frauen durch Männer daherkommt, sondern als quasi-unsichtbares Netz von Stereotypen und Privilegien, steckte ich schnell so tief in poststrukturalistischer Theorie, daß für eine Auseinandersetzung mit Alice Schwarzer wieder keine Zeit oder Gelegenheit blieb. Einmal Stempel “überholt” drauf und das war’s. Ich war schon fast ein bißchen stolz darauf, mich da in Gleichmut zu üben und der Falle entkommen zu sein ihr vorzuwerfen, nicht bereits in der Vergangenheit den aktuellen StatusQuo der Kritik vertreten zu haben. Das Privileg des “Ausblendenkönnens”… (ich meine, man sieht recht deutlich daran, daß ich mich nicht mal über ihre Kopftuch-Aussagen so richtig aufregen konnte, daß ich davon nicht selber betroffen bin bzw. mich nicht angesprochen fühle.)

Kürzlich verwies Anne Luise (von der BH Lounge) in einer Email auf eine Antwort aus der Emma-Kategorie “Ask Alice” zum Thema Brustvergrößerung, die wirklich so unterirdisch war, daß ich erst mal eine Weile wie ein Goldfisch vor meinem Laptop saß. An dieser Stelle mal eine Triggerwarnung für alle, die empfindlich auf körpernormative Aussagen (im Themenfeld kleine vs. große Brüste) reagieren. 

Die fast 18-jährige Fragestellerin Anna schrieb über die Unzufriedenheit mit ihren Brüsten, die sie als “unterentwickelt” empfände. Aufgrund von negativen Reaktionen von Verwandten, Mitschüler*innen, Verkäufer*innen und auch Love-Interests überlege sie nun eine Vergrößerung vornehmen zu lassen, wenngleich sie Angst vor den Risiken einer Operation habe. 

Soweit ist das leider keine Besonderheit – viele Frauen fühlen sich unzulänglich, weil sie glauben oder sogar so gesagt bekommen, daß sie das gängige Brustgrößenideal nicht erfüllen und deswegen “gar keine richtigen Frauen seien.” Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll, so bescheuert finde ich das; also diese gesellschaftliche Zumutung. Aber naja, bei genauerem Hinsehen würde mir wohl eine Menge besseres einfallen als Alice Schwarzer, die das absolute Supernogo vollbringt, alle körpernormativen Aussagen aufzufahren, die man sich so vorstellen kann: 

Sie unterstellt, daß Anna natürlich eine knabenhafte Figur haben muß (denn nur superzierliche Frauen haben kleine Brüste) und vergleicht sie deswegen gleich mit Audrey Hepburn. Geschmacksurteile folgen der Imagination auf den Fuß: Sie, also Alice Schwarzer selber, mit ihren “normalen Brüsten” [sic!] fand auch immer “diese aparten Mädchen mit den flachen Busen toll, an denen die Kleider so schick runterfallen.” Damit ist ja schon mal viel gewonnen.

Im Gegensatz zu diesem Ideal von Androgynität behauptet Alice Schwarzer, es gäbe eine Mode der “Riesenbusen”, der “grotesk betonte[n] oder gar künstliche[n] Oberweiten”, der “Push-up-Titten”, die sie “ehrlich gesagt, immer eher an Milchkühe denken” ließen. [SIC!]
Auch dazu muß ich erst mal sagen: WHAT. THE BLOODY. FUCK?!!
In diesem Zusammenhang machen mich so pseudo-nachdenkliche Sätze wie
“Haben wir nicht eigentlich dafür gekämpft, dass die Männer uns endlich auch in die Augen schauen statt nur ins Dekolletée? Und wie kann es überhaupt sein, dass wir es hinnehmen, dass Attraktivität über BH-Größen definiert wird – statt über ein Lächeln, einen Blick, eine Silhouette?”
dann erst so richtig wütend. Ich meine, hallo? Wer sieht den performativen Widerspruch? Ja, ihr könnt die Hände jetzt wieder runternehmen. Offensichtlich jede die bis drei zählen kann.

Nun, ehrlich, ich fühle mich von solchen Aussagen natürlich persönlich beleidigt. Ich hab mir nicht ausgesucht so auszusehen wie ich aussehe, ich finde es unglaublich, daß mich jemand der sich Feministin schimpft aufgrund eines körperlichen Attributs  mit einer Milchkuh vergleicht und mir obendrein die Schuld dafür unterzuschieben will, daß mir Männer ständig ins Dekolleté sabbern - sorry, wie ist das denn kein Minirock-Argument?! Das geht so einfach nicht! Denn, auch wenn sich "Anna" jetzt vielleicht besser fühlt - ich mich sicherlich nicht. Damit verschiebt sich eigentlich nur, *wer* gerade eins in die Fresse bekommt, daß jemand eins in die Fresse bekommen muß, wird dabei überhaupt nicht in Frage gestellt.
Man kann nicht die eine Seite aufwerten, indem man die andere abwertet und dabei überhaupt nicht die Grundlage dessen unter die Lupe nehmen, auf der solche Unterscheidungen überhaupt nur Sinn machen: die Voraussetzung nämlich, daß Attraktivität den Kernpunkt weiblicher Identität bildet. 

Wir kriegen alle von klein auf an beigebracht wie wichtig es ist, hübsch zu sein, gepflegt, schlank, kurz: begehrenswert. Und gleichzeitig erfahren wir von Anfang an, wie unmöglich es ist, die Zielwerte zu erreichen – wir vergleichen uns mit anderen und egal wie “schön” wir schon sind, die anderen sind immer schöner oder wenigstens Teile von ihnen. Wie die Werbung zerstückeln wir Menschen in schlanke Waden, in straffe Schenkel, in gerade Nasen und geschwungene Lippen, in voluminöses Haar und die ideale Brustgröße. In unseren Köpfen sind wir alle Frankensteins Monster, zusammengeflickt aus den perfektesten Attributen die wir finden können und das führt oft dazu, daß wir uns gar nicht mehr als Ganzes wahrnehmen können. Ich will jetzt nicht irgendwie ins Esoterische abdriften, aber viele Frauen stehen vor dem Spiegel und sehen nur eine Ansammlung von Makeln, während sie gleichzeitig ihr reales Aussehen in gar kein Verhältnis zum gesellschaftlichen Schönheitsideal setzen können. Soll heißen, gerade die Frauen, die am meisten an sich zweifeln, sind häufig am nähesten dran. Ein Maßstab macht ja auch nur dann Sinn, wenn er irgendwie realistisch erscheint. Daß die ganze Anlegenheit mit einem realistischen Anspruch nichts zu tun hat, demonstrieren immer wieder die Superretuschierungen von sowieso schon überirdisch schönen Berühmtheiten, wenn sie denn mal bemängelt werden wie bspw. von Beyonce oder Kate Winslet. Wie geht der Ausspruch von Cindy Crawford? “I wish I looked like Cindy Crawford.”?!

Jedenfalls, mein Punkt wäre, daß es wirklich an der Zeit ist, das Schönheitsthema mal auf die Ersatzbank zu verweisen. Zumal es bisweilen auch echt seltsame Blüten treibt. Kürzlich las ich (irgendwo auf tumblr, ich hab es leider nicht wiedergefunden) etwas über die Darstellung der Schönheit von dicken Frauen unter dem Aspekt “50s-Retro-Babes”, also daß auch dicke Frauen gesellschaftlich als schön anerkannt werden, wenn sie halt einen großen Aufwand betreiben, fancy Kleider tragen und sich ausufernd schminken; die angeschlossene Forderung war, daß man ja aber auch schön sein können müsse, wenn man dick sei und keine massive “Ausgleichsarbeit” für diesen Makel betreibe. Und ja, ich stimme dem zu, ich finde auch, man sollte erst einmal jedem Körper positiv gegenübertreten und ihn einfach so nehmen wie er ist, aber ich finde es auch kritisch, daß alles immer am Begriff “Schönheit” hängt. Jede muß qua definitionem schön sein. Irgendwie beschreibt diese “Schönheit” dann auch gar nichts mehr, wenn der Begriff sowieso für alle gleichermaßen gelten soll. Warum kann man das Konzept dann nicht einfach zur Seite packen? Warum nicht mal über was anderes sprechen? Attraktivität ist z.B. für mich etwas anderes. Sexiness ist etwas anderes. Selbstausdruck ist was anderes. 

Ich will mir nicht ständig diese Vergleichsnummer Schönheitswettbewerb reinziehen müssen. Das sind reale Probleme, klar, aber man reproduziert sie auch, indem man sie ständig und ständig wiederholt. Das hat was Magisches, dieses Rezitieren von subjektivem Leiden unter den gesellschaftlichen Verhältnissen. Richtige Freiheit davon wäre, darüber nicht mehr nachdenken zu müssen, den “Spieglein-Spieglein”-Wettbewerb einfach abzustellen. Utopisch ich weiß, aber man kann immerhin Schritte in diese Richtung unternehmen statt sich mit dem bestehenden Zustand abzufinden.

Um noch mal den Bogen zum Aufhänger meines Postings zu spannen: die Debatte, wen es nun schlimmer träfe, die Frauen mit den kleinen oder die mit den großen Brüsten begegnet mir immer wieder und aufgrund meiner eigenen Voraussetzungen bin ich da natürlich auch vorbelastet. Meine Perspektive ist halt nicht die auf den Vorwurf Brett sondern auf die Bezeichnung Milchkuh, statt entfeminisiert fühle ich mich übersexualisiert, meine üppige Figur steht im Kontrast zu meiner Tomboy-Selbstwahrnehmung und Hell, würde ich gerne mal Hosenträger und Krawatte tragen! Ich sehe eine sehr große Tendenz zu Androgynität im Diskurs um Schönheit und ich bin dann entsprechend sehr verwundert, wenn ein Trend zu Kurven und großen Brüsten behauptet wird. Aber dann sind natürlich für mich “große Brüste” auch was anderes als vermutlich die meisten darunter verstehen.

Umgekehrt sehe ich natürlich auch die Argumente derer, die sich am anderen Pol der Skala befinden und was sie über ihre Wahrnehmung von Welt, Werbung und medial vermittelten Idealen und Normen berichten. Das vielzitierte "In die Kinder-Abteilung-schicken" beispielsweise, die abfälligen Bemerkungen von Familie, Freunden und Wildfremden... umso befremdlicher finde ich es, wenn man sich plötzlich in einem vermeintlichen Aufmerksamkeitswettbewerb wiederfindet.

Tatsächlich scheinen beide “Seiten” unausgesprochen um diesen ominösen “Normalbereich” zu kreisen, die imaginäre Gruppe der Frauen mit der perfekten Brust(größe), die den Luxus hat ihre “Probemzonen” woanders zu verorten. Dadurch stellt sich die ganze Debatte dann als Konkurrenz von zwei völlig marginalisierten Gruppen dar, und es geht offensichtlich oftmals darum, eine Art Contest zu gewinnen.
Entsprechend finde ich Aussagen, wie die bei The Lingerie Journal, im Bereich für Big Cups hätte sich ja so viel getan in den letzten Jahren, während die Small Cups immer noch hoffnungslos abgeschlagen wären, etwas schwierig, weil es versucht, zwei Bereiche gegeneinander auszuspielen. Zugegeben, es gibt im Bereich große Körbchen eine Angebotserweiterung. Aber nur weil Modell bis in große Cupgrößen produziert wird, heißt noch nicht, daß es der Trägerin gut paßt. Die BH-Anpassung im Bereich H-K-Cup ist einfach vielfach schwierig und ich kann echt nicht genug jubeln, daß mir Panache so gut paßt – sonst wäre ich ziemlich out of options. Aus der reinen Anzahl von Angeboten läßt sich daher noch nicht ablesen, wieviel davon wirklich funktioniert.

Das soll nicht heißen, die Forderung, es solle gefälligst auch 28A oder 30C oder 32A-BHs geben, sei irgendwie überzogen. Natürlich nicht! Klar muß es die Größen geben! Es ist eine Frechheit daß das so ignoriert wird. Aber... ja, eigentlich nichts aber.

Noch schnell ein paar Lesetips zum Thema kleine Brüste, als Kontrastprogramm zu oben verlinkten Text:
http://www.kurvendiskussionen.at - vor allem den #Smallbusters - Fairy Bra Mother Letter
Elfe's Klassiker Gedanken zur kleinen Breitbrust
Unser Kleine Größen-Tag - momentan haben wir leider keine Resident-Bloggerin mit kleineren Brüsten, falls ihr euch berufen fühlt, z.B. für einen Gastbeitrag, schreibt uns doch einfach ne Mail oder nen Comment. ;-)
Die Blogroll von Boosaurus bietet einen super Ausgangspunkt um Bloggerinnen mit einer ähnlichen/gleichen BH-Größe zu finden. 

Naja. Ich hab jetzt meinen Punkt gemacht and the time is up. Daher raus mit dem Beitrag. Kommentare, Anmerkungen etc. sind wie immer heiß ersehnt. ;-)

Wer sich noch nicht genug geärgert hat, kann sich noch die folgende Fotostrecke von Wonderbra-Werbeplakaten angucken. Gleich das erste ist ganz großartig. *wutschnaub*

Hier ein eher harmloses Beispiel. Achtung, Insider: Orange ohne Glas. :P
wonderbrafitsnaturally1

Sonntag, 12. Januar 2014

Dessous und Begehren: die Sexualisierung von Wäsche

Ich habe mich schon häufiger gefragt, wie ich mein Interesse für Bra Fitting so verpacke, daß bei “Nicht-Initiierten” richtig ankommt; die erste Reaktion wenn ich sage, ich beschäftige sich mit Unterwäsche, ist nämlich eher sowas wie peinlich berührtes Schweigen. So, als hätte ich – ungefragt – über meine sexuellen Vorlieben geplaudert. Ja, erm, Themenwechsel?!

Meine nachgeschobene Erklärung, es ginge um passende BHs für Frauen, was ein verbreites (gesellschaftliches!) Problem sei, und – naja – erst mal um Funktionskleidung, wird dann schon gar nicht mehr wahrgenommen; ist quasi dem Jugendschutzfilter zum Opfer gefallen. Und der kommt schon mit einem ganzen Set von Assoziationen (sonst würde das Filtern ja nicht funktionieren). Nach dieser Vorstellung ist dann auch Dessous-Blog = Bilder von sich für den ‘male gaze’ räkelnden, halbnackten Frauen in Häuchen von Nix. 

Verrückterweise ist für mich die ganze Angelegenheit mit den BHs ja in erster Linie feministisches Projekt – also ein Weg, Frauen zu einem besseren Körpergefühl, mehr Selbstvertrauen und optimierter Bewegungsfreiheit zu verhelfen. Man könnte also, provisorischerweise, sagen: das Gegenteil von dem was mir unterstellt wird. 

Mir ist es total wumpe, was eine Frau drunterträgt, so lange es hält und stützt und formt wie sie möchte und sie sich damit wohl fühlt. Es kann ein sog. Brustpanzer sein, ein T-Shirt-BH, ein durchsichtiges Stückchen Tüll oder ein bondage-inspiriertes Retroteilchen – I don’t care. Das ist – erst mal – persönliche Geschmackssache. Was ich mir wünsche, ist daß diese Vorstellungen des Ideal-BHs für alle Frauen, unabhängig von Körperform (in erster Linie), real umsetzbar sind, daß also der Markt ein Angebot bereitstellt, daß sich mit der realen Vielfalt der Frauen deckt (zumindest annähernd). Und dann können wir über individuelle Vorlieben im Design sprechen.

Diese Herangehensweise reflektiert natürlich stark meine persönlichen Gewichtungen: ich betrachte BHs eben erst mal als Unterwäsche, in diesem Sinne Funktionskleidung, und hänge einem gewissen “form follows function”-Pragmatismus an. Wie vermutlich der Mainstream der deutschen Frauen. Trotzdem möchte ich nichts tragen müssen, was ich selber unattraktiv finde; d.h. jenseits von Lingerie-Begeisterung in einem sexuellen Kontext muß ich mich in einem solchen ausziehen können, ohne das Gefühl zu haben irgendwie… äh… unpassend gekleidet zu sein. ;-)

Das ist natürlich ein sehr niedrigschwelliger Anspruch wenn es um die Kleidsamkeit von Lingerie geht, der nicht nur etwas mit dem Mangel an sexy Wäsche in meiner Größe zu tun hat, sondern auch mit meinem mangelnden Interesse am “sich in Szene setzen”. Umgekehrt zur eingangs erwähnten gängigen Unterstellung, muß ich mir nämlich oft selber auf die Finger klopfen, nicht in Tendenzen von Slutshaming zu verfallen.

Ja, richtig gelesen, Slutshaming. Oweia. 

Bei mir spult sich beim Stichwort “sexy Dessous” gleich der ganze Katalog von Vorurteilen ab: Standard-Porno-Optik mit Plastiktouch, kein Körperhaar, rote Plastik-Spitze, Beate-Uhse-Katalog. 

Mein Problem ist nämlich, daß ich – offensichtlich genau wie die Leute, die mir einen Wäschefetisch unterstellen – so krass geprägt bin von der üblichen Darstellung von Frauen in der Werbung, daß ich mir Dessous nur noch an gänzlich passiven Objekten männlichen Begehrens vorstellen kann: die gezeigte Person reduziert sich im Bild auf den reinen Körper, von ihrer Subjektivität bleibt quasi nichts übrig. Im Gegensatz zu einer explizit fetischisierten Darstellung, beispielsweise in einem BDSM-Kontext, in der die Unterwerfung gerade den Kink ausmacht, ist diese im Werbebild unmarkiert vorausgesetzt. Dazu kommt natürlich auch die Konsens-Frage: was in einem ‘Vanilla-Zusammenhang’ creepy und rapey ist, ist in einem s/D-Verhältnis abgesprochen und vereinbart. Vielleicht kann man es so erklären, was mich so extrem stört. Dieses ganze “Wickel mich aus, ich bin dein Geschenk”-Topos, das mit der Idee permanenter Verfügbarkeit und dem Diktat von sterilster Attraktivität daherkommt, das nervt mich einfach. Bäh.

Selbstverständlich sollte man aus der medialen Darstellung nicht ableiten, daß Frauen, die gerne schöne Wäsche tragen, sich damit automatisch zum willenlosen Objekt männlicher Begierde machen und sich damit irgendwie anti-feministisch verhalten. (Das war, was ich mit Slutshaming meinte.) Nicht nur, weil das Begehren auch ein nicht-normativ heterosexuelles sein kann, sondern auch weil Sexualität in ihren unterschiedlichen Ausprägungen sowieso kein Gegenstand von Wertung oder Beurteilung sein sollte. Es ist einfach wie es ist. Neben Slutshaming beinhaltet das auch Kinkshaming. Nur weil ich jetzt Lingerie nichts ungewöhnlich aufregendes abgewinnen kann, heißt das ja nicht, daß ich anderen das absprechen, schlechtmachen oder sonstwie "vorwerfen" sollte. Insofern weiß ich auch, daß meine eingangs erwähnte Abwehreaktion gegen die Unterstellung, ich hätte eine sexuelle Affinität zu Wäsche, alles andere als unproblematisch ist.

Es ist irgendwie schwierig...

Was auf jeden Fall schon mal ein Schritt in die richtige Richtung wäre, um aus der "Objektfalle" rauszukommen wäre eine andere Form von Präsentation. Ungefähr zeitgleich zu dem Beitrag, der den Denkprozess zu diesem Post anstieß (Diversity & Sexuality: Talking About the Way We Talk About Victoria’s Secret bei The Lingerie Addict), durchsuchte ich bei tumblr den “Red Lingerie”-tag – inspiriert von Anja’s Rote Wäsche zu Silvester-Zusammenstellung – und neben dem ganzen expliziten Material das ich fand (es ist halt tumblr!) war kaum ein Bild dabei, das ich jetzt guten Gewissens hätte rebloggen wollen. Dabei waren meine Kriterien eigentlich nicht so wirklich revolutionär. Ich wollte ein Werbebild, das mehr auf das Gefühl der Frau mit sich selbst abzielt als implizite Einladung zur sexuellen “Benutzung” ist, also eine Darstellung von Subjektivität, von Aktivität, von Empowerment, von Selbstaneignung, von Zufriedenheit, Spaß, was auch immer. Irgendetwas *in* der gezeigten Person als Individuum, wozu ich mich in Verbindung setzten kann…

Dazu gehört auch die vielzitierte Diversity, also eben nicht nur die Abbildung von jungen, schlanken, weißen, able-bodied CIS-Frauen mit 0815-Brustgröße, die man bis zur Unkenntlichkeit gephotoshopped hat, sondern Women of Colour! Transfrauen! Dicke Frauen! Behinderte Frauen! Kleinbrüstige Frauen! Großbrüstige Frauen! Frauen mit Tigerstreifen! Frauen über 40! In verschiedenen Konstellationen! Go! Go! Go!

So wie die Dinge gerade liegen, ist ein schlecht ausgeleuchtetes tumblr-Selfie ungefähr 3ooomal sexier als die üblichen Werbebilder. Tatsächlich habe ich festgestellt, daß es mir hilft, andere als die üblichen Werbe-Körper in Unterwäsche zu sehen, um aus dieser Gleichsetzung von Dessous=Geschenkverpackung rauszukommen und den Spaß nachvollziehen zu  können, den viele an schöner Unterwäsche haben. Denn darum geht’s ja letztendlich.

So, es ist zwar noch längst nicht alles dazu gesagt, aber hier ist jetzt erst mal Schluß mit Bekenntnis.

Wie immer interessiert mich eure Meinung! Her mit den Kommentaren!

agent provocateur
Rosie Huntington-Whiteley in the Commercial Love me Tender for Agent Provocateur,
one of my favourite brands when it comes to sexist cliches (see rant linked below)
Very male-gazey but at least with a surprising turn...
Vielleicht auch interessant:

Donnerstag, 11. Juli 2013

How to fake a thigh gap...

Einfach mal so zwischendurch weil es witzig ist und die letzten Posts so staubtrocken waren...

Die Liste von erstrebenswerten Charakteristiken optischer Natur ist für viele Frauen ungefähr so lang wie eine dicht beschriebene Rolle Küchenkrepp: große Augen, volle Lippen, klassische Nase, symmetrisches Gesicht, flacher Bauch, lange Beine, Brüste die von alleine stehen, die Reihe ist endlos. Gerade 'die Figur', also alles was mit Diäten und Workout, also ohne drastische Eingriffe wie OPs, beeinflußt werden kann, ist ein Feld der andauernden Beackerung. Frauenzeitschriften sind voll mit mehr oder weniger nützlichen Tips und Frauenbiographien sind voll mit mehr oder weniger ausgeprägten Essstörungen. Zu den absurderen Schönheitsidealen gehört dabei IMO die Idee des 'Thigh Gaps', also daß die Oberschenkel nicht aneinander rubbeln, sondern da noch Luft dazwischen ist. (Der Abstand der Beine ist übrigens auch eine Frage der Beckenbreite...) Aus irgendwelchen Gründen gilt das als supererstrebenswert. Für alle, die wie ich zu faul sind, sich damit rumzuquälen gibt es jetzt dieses toll Video darüber wie man die erstrebte Gliedmaßenlücke faken kann: 


Sonntag, 2. Juni 2013

D: Doves "Du bist schöner, als du denkst" Kampagne

In den letzten Wochen machte ein neuer Werbespot im Internet die Runde und in meinem Facebookstream fanden sich mehrere lobende Worte für diese neue Kampagne: 


Wer den Spot nicht sehen kann oder will, es geht im Prinzip darum, dass Frauen ihr Gesicht einem forensischen Zeichner beschreiben. Danach beschreiben Fremde, mit denen sie sich kurz vorher unterhalten habe, diese Person. Das Ergebnis ist, dass die Fremden, die Frauen mit weitaus positiveren Attributen und Worten beschreiben als die Frauen sich selbst. Daher kommt Dove zu dem Schluss, dass  Frauen oft selbst ihre eigenen schlimmsten Kritiker sind. Die Tagline ist dann auch "Du bist schöner, als du denkst" ("You are more beautiful than you think").

Dieser Spot ist Teil von Doves Rebranding und PR-Strategie seit 2004 in der wahre oder realistische Schönheit fernab von Photshop und dem professionellen Modelbusiness zelebriert wird um Frauen auf ihren Weg zur Selbstakzeptanz und mehr Selbstbewusstsein zu helfen. Hier kann mensch, leider nur auf Englisch, mehr über die Geschichte der Kampagn lesen.

Ich mag diese Kampagnen dafür, dass sie tatsächlich manchen Frauen ein gutes Gefühl über sich selber geben und bin dankbar dafür, dass Dove eine Diskussion zu dem Thema Schönheit, (Selbst)Wahrnehmung und Selbstbewusstsein angestoßen hat. Damit stehen sie noch immer allein auf weiter Flur da und zu oft werden Frauen in den Mainstreammedien und der Werbung sehr formalistisch und idealisiert dargestellt.
Das Problem was ich, und andere, mit dem Thema haben ist allerdings haben hat eher damit zu tun, dass Dove ein nicht völlig inklusives Schönheitsbild propagiert, zu Unilever gehört, und eben Pflegeprodukte vertreiben möchte.

In dem Spot sind dünne Frauen zu sehen, alle vier Hauptprotagonisten sind keine People of Color, keine ist älter als 40, keine ist behindert, keine ist dick. Diese Frauen sind konventionell schön. Nur erkennen sie das nicht selbst. Was mich aber wirklich geschockt hat war der letzte Satz einer der Teilnehmerinnen: "Ich sollte mir meiner natürliche Schönheit stärker bewusst sein. Denn das hat schließlich auch Auswirkungen darauf mit wem wir befreundet sind, für welchen Job wir uns bewerben oder wie wir unsere Kinder behandeln. Es hat einfach Auswirkungen auf Alles! Unser ganzes Glück kann davon abhängen." ("I should be more grateful of my natural beauty. It impacts the choices and the friends we make, the jobs we go out for, they way we treat our children, it impacts everything. It couldn’t be more critical to your happiness."). Das heißt es ist unser Aussehen was unser Leben und unser Glück bestimmt? Das ist sicherlich keine besonders aufbauende oder positive Botschaft. Oder meint das "it" im Original das Selbstbewusstsein, dass aus dem Wissen um die eigene Schönheit erwächst? Das wäre weit weniger problematisch, würde aber immer noch implizieren, dass man eben dünn, jung, gesund und weiß sein muss um schön zu sein. Interessant ist auch, dass in den meisten Werbespots der Kampagne Frauen gezeigt werden die unzufrieden mit ihrem Körper sind und es kommen keine Frauen zu Wort, die sich bereits als schön empfinden und somit als Vorbild dienen könnten. Stattdessen wird Aussehen als deterministischer Faktor des Schicksals gehypt, das mensch, so die unterschwellige Nachricht, mit Schönheitsprodukten noch verbessern kann.

Natürlich ist es im Interesse eines Unternehmens, dass Pflege- und Schönheitsprodukte herstellt, diese möglichst viel unters Volk zu bringen. Daher sollte man sich bewusst sein, dass wenn mensch Doveprodukte kauft, man nicht das Projekt unterstützt alle Frauen selbstbewusster zu machen und ein inklusiveres Bild von Schönheit zu verbreiten, sondern ein gewinnorientiertes, multinationales Unternehmen unterstützt. Dove gehört zum Unilever Konzern, der unter anderem auch relativ aggressives Marketing für seine Cremen zur Hautaufhellung betreibt oder betrieb und zu dem auch Axe gehört, ein Produkt dessen sexistisches Marketing fast schon legendär ist.

Links zum Thema (leider nur auf Englisch):

Was haltet ihr von dem Werbespot und der Kampagne an sich?





MiaRose bloggt seit Ende 2011 auf Drüber&Drunter. Neben Brafitting schlägt ihr Herz für sinnvolle/lose Diskussionen, gutes Essen, Jugendliteratur und allerlei anderes popkulturelles Gedöns. Ihre aktuellen Maße sind (94) 97 (96)-73-101. Ihren Vorstellungspost findet ihr hier: Me, myself and I.

Montag, 26. November 2012

D/E: Normal ist Anders / Body Shaming

In English after the jump,
Vielleicht ist einigen von euch schon aufgefallen, dass hier im Gegensatz zu anderen Blogs aus der Boobosphere keinen Post zum Thema 'Große/Kleine/Mittlere Brüste sind schön' gibt. Nicht, weil wir Brüste nicht mögen oder schön finden, sondern weil wir versuchen wertende Beschreibungen zu vermeiden. Wir möchten mit unserem Blog Menschen primär helfen, sich in ihrem Körper wohl zu fühlen, egal wie dieser beschaffen ist.

Vielleicht habt ihr auf Social Media Seiten schon dieses Meme gesehen:

"Wann wurde das ... heißer als das?" (Quelle unbekannt)
Oberflächlich betrachtet scheint dieses Bild ein Protest gegen den 'Magerwahn' zu sein, bzw. die gesellschaftliche Tendenz sehr schlanke Frauen* als wenn auch nicht unbedingt die Norm dann doch als Ideal zu propagieren. Diese Bild wurde dann auch entsprechend kommentiert: "Wer fährt denn schon auf solche Klappergestelle ab?!", "Das ist doch ungesund." und "Gruselig, da sieht man ja jeden Knochen". Problematisch wird es allerdings dadurch, dass hier ein Ideal gegen ein anderes ausgetauscht wird und die andere Seite geschmäht und lächerlich gemacht wird. Die Konsequenzen des Anderssein lasten hier dann eben auf den Schultern der schlanken Frauen*. Während es im medialen Main Stream, bzw. auf der Straße, dann doch die dickeren Frauen* sind. Wieder wird bewertet welche Körper 'gut' und welche 'schlecht' sind, statt Diversität zu akzeptieren und zu zelebrieren. Wieder zeigt sich, dass es okay und normal ist, den Körper von Frauen* zu bewerten, bzw. ihren Wert nach Äußerlichkeiten zu bestimmen und sie so zu objektivieren. Woher wissen wir denn, dass die Frauen* in der ersten Reihe an Essstörungen leiden und nicht 'natürlich' schlank sind? Vielleicht ist ihr Körpergewicht niedriger, weil sie dadurch mehr Cover, mehr Rollen, mehr Aufmerksamkeit bekommen und weil ihnen ihr Management im Nacken sitzt. Oder auch nicht. Und wer sagt uns, dass die Frauen in der unteren Reihe nicht auch dem Ideal ihrer Zeit entsprachen? Und vielleicht auch nicht unbedingt so aussahen, weil das ihr Wunschkörper war?

Es gab viele Blogger, die sich sehr kritisch mit dem oben genannten Meme auseinander gesetzt haben. Exemplarisch sei hier mal der Artikel bei der Mädchenmannschaft genannt (sicher gibt es noch mehr, aber ich bin schlecht mit bookmarken und auch nicht so 'drin' in der deutschen Blogosphere). Am Ende des Artikels findet sich ein Link zu diesem Bild:

"Wann wurde das ... heißer als das? Wurde es nicht. Sie sind alle wunderschön." Quelle: whirligigagogo.wordpress.com

Dieses Poster ist weit inklusiver als das erste Meme, da hier verschiedene Körpertypen als gleichwertig schön präsentiert und beurteilt werden. Wie einigen Kommentatoren des Mädchenmannschaftsartikels, geht mir dieses neue Poster nicht weit genug. Klar, es sind nun alles Frauen* einer Ära und es sich auch 'Women of Color' dabei. Ein Fortschritt keine Frage. Aber all diese Frauen* sind unter 50 (?), keine älter, alle wirken gesund, keine ist offensichtlich behindert, keine ist dick, keine ist ungeschminkt, alle tragen ‚sexy’ Klamotten, und schätzungsweise 100% sehen nicht so aus, wenn sie Samstags nach einer Partynacht vom Postboten um 8.00 Uhr aus dem Bett geklingelt werden. Bzw. wahrscheinlich auch nicht, wenn man sie im Discounter um die Ecke trifft. Sie werden also ebenfalls idealisiert dargestellt.

Jeder Mensch durchläuft nach seiner Geburt einen Prozess der Sozialisierung, bei dem bestimmten Werte und Normen in unsere Körper eingeschrieben werden und Teil des Rasters werden mit dem für uns die Welt begreifbar wird. Wenn wir immer wieder mit Bildern konfrontiert werden, die Frauen auf eine bestimmte Weise darstellen, werden diese normalisiert und zur Norm an der wir uns messen. Problematisch wird es wenn mensch dieser Norm nicht entspricht, was wenn mensch anders ist? Natürlich hinterfragen die meisten von uns diese medial simulierte Realität und den ungefilterten Effekt des Patriarchats und natürlich weiß jeder, auch ich, dass die wenigsten Frauen* diesem Ideal entsprechen können und das selbst bei vermeidlich perfekten Supermodels noch per Photoshop nachgeholfen wird. Aber manchmal hilft alles kognitive erkennen nichts gegen die kleine Stimme in meinem Unterbewusstsein, die anmerkt, wo meine 'Unzulänglichkeiten' liegen und die mich immer wieder mit anderen vergleicht. 

MiaRose bloggt seit Ende 2011 auf Drüber&Drunter. Neben Brafitting schlägt ihr Herz für sinnvolle/lose Diskussionen, gutes Essen, Jugendliteratur und allerlei anderes popkulturelles Gedöns. Ihre aktuellen Maße sind (94) 97 (96)-73-101. Ihren Vorstellungspost findet ihr hier: Me, myself and I.

Sonntag, 22. Januar 2012

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?

Kürzlich stellte ich fest, daß uns dieses Jahr gleich zwei Kino-Versionen von Schneewittchen bescheren wird, nämlich Snow White and the Huntsman mit Kristen Steward (Twilight) als Snow White, Chris Hemsworth (Thor) als Huntsman und Charlize Theron als böser Königin sowie Mirror, Mirror mit Julia Roberts als Stiefmutter, Sean Bean als König (Irgendwann wird er mal wieder nen Charakter spielen, der das Ende vom Film erlebt… *daumendrück*) und Lily Collins (Priest) als Schneewittchen. Daneben wird es im Februar noch einen Direct-to-DVD-Release von Grimm’s Snow White mit Eliza Bennet (Inkheart) in der Hauptrolle geben.

Bildquelle: Wikicommons
Ich muß gestehen, daß mich die offensichtlich anhaltende Beliebtheit des Stoffes ganz schön überrascht – aus feministischer Perspektive betrachtet ist die Geschichte ja schlichtweg eine Katastrophe: Nicht nur wird die Stiefmutter zum giftmischenden, menschenfressenden Monster stilisiert, sondern auch noch mit Schneewittchen als unschuldig-naivem, hausfräulichem Ideal kontrastiert, dessen genuine Jugend und Schönheit vor der pervertierten Eitelkeit einer älteren Frau gerettet werden soll. Wahrscheinlich gibt es kein misogynes Klischee, das das Märchen ausläßt. Und obwohl man die Sache ja auch etwas anders interpretieren könnte, wird diese Dichotomie von Hure/Hexe und Heilige nun in jeder Adaption der Geschichte - mal mehr mal weniger extrem - reproduziert. Während Mirror, Mirror, dem Trailer nach zu urteilen, eine Art augenzwinkernde Komödie sein soll, buchstabiert Snow White and the Huntsman den frauenfeindlichen Gehalt der Vorlage recht drastisch aus: Charlize Therons Charakter ist hier nicht nur eine böse, machtbesessene Hexe, sondern auch eine Art Vampirin, die anderen Frauen das Leben aussaugt. 

Eine ähnlich gruselige Darstellung gab es schon in einer Verfilmung mit Sigourney Weaver von 1997 (Snow White: A Tale of Terror), aber auch in Terry Gilliams Brothers Grimm (2005), in der eine böse Hexe (Monica Bellucci) junge Mädchen entführt, um mit deren Leben ihr eigenes zu verlängern. Sogar die Disney-Variante von Rapunzel (Tangled | 2010) erzählt von der bösen Stiefmutter, die Rapunzel als Quelle anhaltender Jugend mißbraucht.

Auch wenn in die Neuerzählungen immer mehr “mildernde” Umstände mit eingesponnen werden – etwa in der Form einer weniger passiven “Heldin” (Schneewittchen, respektive Angelika oder Rapunzel) – wird an der  Stiefmutter/Hexe als Inbegriff des Bösen doch durchweg festgehalten. Ihre kriminelle Energie speist sich dabei aus dem Wunsch, unnatürlicherweise (!) ewig jung und schön zu bleiben und damit (implizit) ihre Machtposition als “first lady” zu behalten, die sie eigentlich - aus Altersgründen - an Schneewittchen (oder eine andere Konkurrenz) abgeben müßte. Dabei wird nicht Schönheit als solche problematisiert, sondern Eitelkeit, Stolz, Neid und Hochmut - also die guten alten Todsünden... Schönheit ist erlaubt, solange sie "natürlich" ist und zweckfrei bleibt und die schöne Frau passiv, Gegenstand der Bewunderung irgendwelcher Kerle.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber in der Konstellation stellt sich dann plötzlich die böse Stiefmutter als geschmähte Karrierefrau und damit irgendwie Sympathieträgerin dar und Schneewittchen als die Verkörperung einer Frauenrolle, die hinter eigentlich alles zurückfällt, was man jemals als emanzipative Errungenschaft hat betrachten können. Das ist schon auch eine merkwürdige Situation, denn Schönheit als Mittel der Macht ist ja nicht unbedingt etwas, das man affirmieren möchte, oder?


Die Idee, der “Wert” einer Frau und damit verbunden ihr Einfluß (nämlich auf die Männer) ließe sich auf ihre körperliche Attraktivität reduzieren, ist natürlich keine Erfindung irgendwelcher Märchenerzähler, wenngleich sie auch in allen möglichen Geschichten von der Antike bis in die Gegenwart eine Rolle spielt: Die begehrenswerte Frau ist Motivation für Heldentaten, Ursache von Kriegen, ja sogar der Grund, weshalb die Menschen aus dem Paradies vertrieben wurden. Diese Vorstellungen prägen durchaus sehr nachhaltig unsere Vorstellungen von Identitäten und damit auch irgendwie die Realität. Wenn man beispielsweise mal versucht aus der Menge aller möglicher berühmter Frauen der älteren und neueren Geschichte, diejenigen auszuklammern, die vor allem über ihre Schönheit und/oder ihre Liaison mit einem einflußreichen Mann bekannt geworden sind, bleibt eine erschreckend kleine Zahl übrig. (Die Mütter kann man auch mal rausrechnen.) Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen, Schriftstellerinnen, erfolgreiche Unternehmerinnen oder Künstlerinnen sind nicht nur im Vergleich zu ihren männlichen Pendants bis heute extrem in der Minderzahl, sondern auch gegenüber all den weiblichen Stars, IT-Girls, Musen und Geliebten, die ihren Ruhm ihrer Attraktivität verdanken.

Weibliche Schönheit gerinnt damit zu einer Art von schlechtem Äquivalent für die Leistungen von Männern, seien es nun Erfindungen, Entdeckungen, Eroberungen oder sonst was; und bestenfalls ist sie auch noch so natürlich und unschuldig ist wie die von Schneewittchen - ohne den Beigeschmack künstlicher Hilfsmittel versteht sich.

Nun wirkt sich dieses gesellschaftliche Klima nach wie vor auf die individuelle Entwicklung und Sozialisation von Mädchen aus. Sicherlich gibt es heutzutage noch andere Karriereoptionen als Haushälterin bei den Sieben Zwergen und Hochzeit mit dem Prinzen oder eiskalte Hexe, die versucht sich einen Millionär zu angeln - trotzdem werden Kinder immer noch mit Prinzessinnengeschichten und Hochglanzzeitschriften bombardiert, in niedliche Kleider gesteckt und gelobt wie süß sie darin aussehen, gemaßregelt wenn sie zu viel (Süßes) essen, ermahnt, schön schlank zu bleiben, gehänselt wegen ihrer Brillen, Zahnspangen, Pickel, Körperhaare, Brüste, Klamotten usw. - kurz: indokriniert mit dem Dogma des "ansprechenden Äußeren".
Der Mangel an Role-Models, die nicht über körperliche Attraktivität definiert sind, führt genauso wie immer noch existierende und immer wieder wiederholte Anspruch an Mädchen gesellschaftliche Schönheitsideale zu erfüllen dazu, daß Optik nach wie vor einen, wenn nicht den zentralen Aspekt weiblicher Identitätsbildung darstellt.
Wen wundert es also, wenn viele Frauen tatsächlich genau wie Schneewittchens böse Stiefmutter den Tag mit einem überkritischen Blick in den Spiegel beginnen und die damit verbundene Erkenntnis der eigenen Imperfektion wiederum einige von ihnen in eine tiefe Krise stürzt? Die Balance zwischen Selbstakzeptanz und Perfektionsanspruch oder Selbstverbesserungstechniken und Körperschemastörung zu halten ist bisweilen schwierig; nicht umsonst leiden so viele Frauen unter Esstörungen und Minderwertigkeitskomplexen.
Im Zeitalter des Photoshop-Schneewittchens hat man als böse Königin sowieso von vorneherein verloren: Mit dem perfekten Bild der Anderen kann kaum jemand mithalten. Irgendein Makel wird sich immer finden, der die reale Frau von den quasi-fiktiven Schönheiten der Medien unterscheidet, deren ikonographische Perfektion andererseits mit jedem Jahr, jeder zusätzlichen Makeup-Schicht, jeder OP und jeder Botoxspritze bröckelt, bis sich das Schneewittchen schließlich selbst als böse Stiefmutter entpuppt. Das Phantasma der natürlichen Schönheit zerfällt in seine künstlichen Bestandteile, nur um gleichzeitig umso fanatischer behauptet zu werden.

Dabei ist es langsam höchste Zeit, dem Märchenquatsch ein Ende zu bereiten und den Teufelskreis zu durchbrechen: Frauen mögen – alle auf ihre Weise – schön und attraktiv sein, aber wir sollten nicht ewig darauf reduziert werden. Warum können wir zur Abwechslung nicht mal die Jäger, Prinzen oder Zwerge in der Geschichte sein?!

Das "Original" zum Nachlesen - Gebrüder Grimm: Schneewittchen

Bei der Gelegenheit, weil es gerade paßt, noch ein Link
zu einem Blogbeitrag über Frauenfiguren in Fernsehserien: 
denkwerkstatt: Fernsehen. Mein persönlicher TV-Frust

Der Trailer von Snow White and the Huntsman



Snow, Glass, Apples
Eine etwas ungewöhnliche Version der Geschichte,
in der Schneewittchen eine Vampirin und ihre Stiefmutter die Heldin ist.
Geschrieben von seiner Großartigkeit Neil Gaiman.

part one, read by Bebe Neuwirth and the Seeing Ear Theater.

Edit: Political Correctness wäre aber auch was anderes...  
Edit2: Öööhm. Kinky. Oder besser: disturbing.
Triggerwarning vgl. Plot / Wikipedia.


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Sonntag, 30. Oktober 2011

Nicht nur Halloween-vermittelt: Human Body Stilettos und Zombie-Trends...

Bildquelle: Bit Rebels
Kürzlich fand ich über einen Blog in meiner Blogroll (BoingBoing oder Nerdcore) dieses verstörende Bild... es verwies auf einen Artikel bei den BitRebels namens Human Body Stilettos: Every Woman's Dream?, der ein paar Worte darüber verliert, welche seltsamen Wege doch die Idee der Selbstperfektionierung so genommen hat...

Tatsächlich finde ich das Foto eine sehr ... ähm... drastische Illustration dafür, daß Menschen gewillt sind, immer krassere Eingriffe in ihren Körper vorzunehmen, um einem immer abgehobeneren Schönheitsideal zu entsprechen. (Das Bild selber ist selbstverständlich fiktiv!)

Man denke nur an Reality TV à la The Swan (ich weiß gar nicht wie das deutsche Pendant dazu hieß?), das ja zum Ziel hatte, eine Frau mit allen möglichen Methoden (Diät, Sport, massive Schönheits-OPs) vom häßlichen Entlein in einen schönen Schwan zu verwandeln. Das scheint nach dem Verkehrsunfall-Prinzip zu funktionieren: Man kann einfach nicht weggucken.

Das Spritzen von Botox, immerhin einem heftigen Nervengift, gehört nun schon zum Beautyrepertoire eines Hollywoodstars in den Twens wie früher ein Waxing und die obligatorische Maniküre. Vom Überkronen ganzer Gebisse mal ganz zu schweigen. Ich finde das gruselig. Im Zeitalter von Photoshop und Special Effects sollte sowas doch mit einem Mausklick machbar sein - statt den Körper solch mittelalterlichen Foltertechniken zu unterwerfen...

Apropos gruselig: Spannenderweise gibt es einen Modetrend, der diesen Diskursen von Schönheit, Jugend und Gesundheit direkt entgegenläuft (behaupte ich jetzt einfach mal so) - die Zombiefizierung von Fashion.
Drauf gebracht hat mich das gerade kursierende Werbevideo von Dermablend mit "Zombie-Boy" Rick Genest:

Abgesehen davon, daß das Video wirklich beeindruckend demonstriert, was man mit Camouflage so anstellen kann, habe ich darüber mitbekommen, daß der volltätowierte Hauptdarsteller dank eines Castings für ein Lady Gaga-Video (Born This Way) Anfang des Jahres plötzlich lukrative Modelverträge bekommt.
Thematisch (bzgl. was Leute mit ihrem Körper anstellen) ist das natürlich immer noch irgendwie vergleichbar. Andererseits rücken Fotos wie die von Genest gerade Häßlichkeit, Vergänglichkeit und Tod in den Mittelpunkt.

Und in den meisten Fällen ist es ja umgekehrt und die Makeup Artists sind für den Horrorfaktor verantwortlich. Heute beim Frühstück blätterte ich ein Vice Magazine durch und stieß auf eine Fotostrecke namens Hardcore Gore-nography, in der junge schöne Menschen als Leichen geschminkt und drapiert diverse Klamotten bewerben sollen. Mag sein daß es an Halloween und dem Beginn der zweiten Staffel von The Walking Dead liegt, aber ich sehe gerade überall Zombies...


Ich weiß noch nicht so genau, was ich davon halten soll - ist es einfach geschmacklos? Ist es eine Persiflage auf ein medial vermitteltes Super-Schönheitsideal? Gibt es was Subversives in so einer Darstellung von Menschen oder haben die entsprechenden Industriezweige dieses Potential schon längst wieder einkassiert und affirmativ gewendet? Und steht zu befürchten, daß die logische Antwort auf Rico the Zombie wirklich Human Stilettos wären?!

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Mittwoch, 28. September 2011

Wonderwoman oder: Wie viel Perfektion brauche ich wirklich?

Es ist Montagnachmittag, ein langes Lernwochenende liegt hinter mir, eine neue Lernwoche vor mir. Zunächst aber ein langersehnter Abend mit meinem Freund. Ich bin schon ganz aufgeregt. Eine Woche haben wir uns nicht gesehen, gerade müssen in meinem hübschen Köpfchen Formeln und Zeichen schwirren. So ein schöner Abend zwischendurch bringt mich dann doch ein wenig aus dem Konzept. Ich gehöre leider nicht zu denjenigen, die es aus dem Arm des Liebsten direkt an die harte hölzerne Realität des Schreibtischs schaffen. Irgendwie brauche ich immer so meine Nachbereitung, erstmal wieder aufs Alleinsein einstellen, das Vergangene noch einmal passieren lassen.

Pink Perfection Flower, fotographiert von Angie


Meistens zelebriere ich jedoch nicht nur ein Nachspiel - es bedarf auch einer gewissen Vorbereitung. Manche Dinge müssen einfach gemacht sein: Die Dusche ist Standard, ebenso Haare und Make Up, die passende Kleiderwahl dauert manchmal etwas. Ich will mich schließlich wohlfühlen an so einem Abend und das geht natürlich nur, wenn ich weiß, dass ich adrett und schmeichelhaft angezogen bin. Und nicht nur ich fühle mich wohler, sondern auch mein Freund. Er weiß dann, dass es für mich etwas besonderes ist, mit ihm den Abend zu verbringen, dass ich mich für ihn herausputzen mag.

Einige Stunden später. Ich bin mitten in der letzten Lerneinheit des Tages. Ich gehe in die Küche, hole mir ein Glas Wasser. Die Küchenuhr neigt sich langsam aber stetig gen Dienstag. Auf dem Rückweg ins Zimmer ein kurzer Blick in den Spiegel. Wie war das noch? Hübsches Köpfchen? Davon bin ich gerade mindestens eine Regallänge in der Kosmetikabteilung entfernt. Und die Nägel? Gehen eigentlich auch nicht, auch nicht gerade mal so. Der Urwald könnte auch einmal wieder einen Rasierer vertragen. Aaaaaahhhh! Dabei hatte ich mir alles so schön vorgestellt! Entspannt vom Tag runterkommen und in Düften schwelgen, dann ein kurzer Weg durch die Nacht zu meinem Liebsten. Sollte ich ihn noch länger warten lassen? Ganz absagen und auf morgen vertrösten?

Ich entschließe mich dazu, ihn einfach anzurufen, ihm zu sagen, wie es ist. Den ganzen Abend habe ich mich auf ihn gefreut, jetzt bin ich müde, will einfach nur seine Stimme hören. Als ich ihn frage, wann wir uns denn nun sehen, kommt die Antwort schnell: "Du setzt dich einfach auf dein Fahrrad und kommst her. Du musst dich nicht herausputzen, denn du bist doch immer schön. Und mal abgesehen davon... ich bin auch noch nicht unter die Dusche gekommen."

Der Abend ist wunderbar. Wir beschließen, dass wir einfach auch mal abgekämpft sein dürfen. Dass wir wir sein dürfen, nach einem langen Arbeitstag oder einem Tag voller Prüfungsangst und neuen Inhalten. Dass wir uns nun einfach ineinander fallenlassen dürfen.


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Montag, 18. Juli 2011

Enge Unterbrustbänder und unvorteilhafte BH-Röllchen am Rücken

Ungeschlagene Nummer 1 der Brafitting-Vorbehalte sind die "BH-Röllchen", also das Argument, daß durch ein enges Unterbrustband unschöne Speckröllchen am Rücken entstehen, die sich durch Oberteile hindurch abzeichnen. 

Wunschrückenansicht aus dem Intro von True Blood
Nun ist natürlich jedes mögliche Gewebe am Rücken bis zu einem gewissen Grad drückbar - Haut, Muskeln, Speck (auch liebevoll Rückenschokolade genannt). Das heißt, wenn das Band den Brustkorb eng umschließen soll, ist es recht wahrscheinlich, daß es sich mehr oder weniger in das darüberliegende Gewebe eindrückt. Je fester das Gewebe und je weiter das Band, desto weniger Röllchen bilden sich natürlich. 

Für viele Frauen liegt daher die Schlußfolgerung nahe, daß die Röllchenvermeidung wichtiger ist als ein gut stützender BH. Nun ist das selbstverständlich für alle, deren Brüste nicht viel (oder keine) Stütze benötigen, eine Entscheidung, die sie nach eigenen Vorlieben treffen können.

Ich möchte allerdings zu bedenken geben, daß der Halt eines BHs zum Großteil (ca. 80%) über das ausreichend enge Unterbrustband zustande kommen sollte. Umschließt das Unterbrustband nur locker den Körper, hängt das Brustgewicht beinahe vollständig an den Trägern, was zu Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich, zu Kopfschmerzen oder im schlimmsten Fall sogar zu Verformungen der Schlüsselbeine und Schäden an der Wirbelsäule führen kann.
Außerdem sind zu weite BHs sind häufig auch unangenehm zu tragen, weil sie rutschen oder scheuern.
Es sind aber nicht nur pragmatische Gründe, die für ein enges Unterbrustband sprechen - die Körbchen eines zu weiten BHs formen und heben die Brust selten optimal. Meist liegen sie einfach nur auf dem Körper auf und fungieren einzig als Brustwarzenverdecker.
Bei Frauen mit schwereren Brüsten tendieren zu weite Unterbrustbänder sogar dazu, den Röllcheneffekt zu verstärken. Das kann zum einen daran liegen, daß das rutschende Unterbrustband vorhandenes Gewebe vor sich her nach oben schiebt. Bravissimo illustriert das sehr schön an diesem Vorher-Nachher-Beispiel. Gleichzeitig rutscht die Brust vorne nach unten und wirkt hängend. Der Brustpunkt verschiebt sich, die Figur wirkt gedrungener.
Zum anderen gilt es als chic bei BHs möglichst schmale Unterbrustbänder zu verbauen - je breiter das Band, desto panzeriger ist der BH angeblich. Leider heißt das aber auch, daß ein schmales Unterbrustband stärker einschneidet als das bei einem breiteren der Fall wäre - und zudem auch weniger Halt gibt.

Ein breiteres Unterbrustband "sammelt" das Gewebe und verteilt das Brustgewicht über eine größere Fläche. Der Deco Strapless von Freya wird daher beispielsweise zwischen B und D-Cup mit zwei Häkchen, D-FF mit drei und G-GG mit vier Häkchen produziert. 
(Größenbereich: 60/28D-G, 65/30D-GG, 70/32-80/36B-GG, 38B-G, Farben: black, nude)

Nach meiner gefühlten Statistik sind die Faktoren viel zu weites und viel zu schmales Unterbrustband die Hauptursachen von Röllchen; dicht gefolgt von schlechten Konstruktionen (manchmal schneidet nur der obere und untere Wäschegummi ein, dazwischen wölbt sich der Unterbrustbandstoff). Tatsächliche Rückenschokolade spielt in der Privatstatistik nur eine untergeordnete Rolle (No pun intended!). Häufig sind die Röllchenopfer sogar sehr schlanke Frauen mit kleinen Brüsten und einem insofern eigentlich geringen Röllchenpotential.

Was mich jedenfalls weit mehr entsetzt als Fettpölsterchen, die sich in den Vordergrund drängen ist, was für eine dramatisch schlechte Passform sich bisweilen unter den leichten Sommertops abzeichnet!! Am liebsten würde ich dann meinem Impuls nachgeben und laut in die Welt hinausschreien, daß es für alle Frauen passende BHs gibt und man sich nicht mit so einem schlechten Kompromiß begnügen muß.
Leider würde es aber wohl nicht so gut ankommen, wildfremde Frauen im Park oder auf der Straße darauf ansprechen, daß sie eine völlig falsche BH-Größe tragen. Bisweilen reagieren schon Freundinnen auf vorsichtige Andeutungen recht agressiv... *seufz*

Kennt ihr auch Röllchen-Phobikerinnen oder seid ihr vielleicht selbst welche?

Mittwoch, 15. Juni 2011

Killing us softly: Objektivierung von Frauen in der Werbung

Eben bin ich über die wöchentliche Blog-Schau bei der Mädchenmannschaft auf diesen Trailer gestoßen:


Es handelt sich hier um eine Zusammenfassung des jüngsten Teils von Jean Kilbournes Filmreihe Killing Us Softly: Advertising's Image of Women, die als Lehrmaterial für us-amerikanische Schulen, Colleges und Universitäten gedacht ist (vgl. mediaed-Website). Das Video soll über die unrealistische Darstellung von Frauenkörpern in der Werbung und ihre Objektivierung aufklären. Objektivierung heißt hier nicht nur, daß Frauen nicht als Subjekte dargestellt werden, sondern daß Werbung sie buchstäblich mit dem beworbenen Produkt verschmilzt - die Frau wird dann Teil der Bierflasche oder der Videospielkonsole.

Da sich Bilder recht unmittelbar einprägen, finde ich es wichtig, ab und zu mal einen Schritt zurückzutreten und sich anzusehen, was da eigentlich wie dargestellt wird. Auf ne Art ist ja vieles schon so normal geworden, daß man sich wirklich nur noch über die absoluten Hämmer aufregt. Wenn überhaupt... 
Bildquelle: Svedka
Vielen Frauen ist erfolgreich beigebracht worden, daß sie das Problem sind, wenn sie sich beschweren und auf Mißstände aufmerksam machen - und keine(r) wird gerne als Spielverderberin oder männerfeindliche Hardcore-Emanze betrachtet. Um also nicht als humorlos oder verklemmt zu gelten, hält man lieber die Klappe und denkt sich seinen Teil...
Als Rechtfertigung hört man auch immer öfters daß ja auch Männerkörper mittlerweile nackt, makellos und glattrasiert sein müssen.
Ja, aber... möchte ich da einwenden, zugegeben, das ist unschön für die Männer; trotzdem handelt es sich bei den Abbildungen beinahe ausnahmslos um Repräsentationen körperlicher Stärke und weniger um eine Ausstellung eines zu begehrenden Körpers.

Das verlinkte Video ist leider auf englisch. Ein großes Sorry an alle, die dadurch ausgeschlossen werden. :( Ein deutschsprachiges Äquivalent fällt mir gerade nicht ein. Falls jemand was weiß, bitte in die Kommentare reinschreiben. Danke! :)


 Wie seht ihr das - läßt euch die Darstellung von Frauenkörpern völlig kalt oder kriegt ihr jedes Mal die Krätze, wenn ihr den Fernseher anschaltet, eine Illustrierte aufschlagt oder auf den Bus wartet?

EDIT, 20:02: Wie witzig, ich lese gerade im Newsletter, daß das Titelthema der morgigen ZEIT-Ausgabe sein wird: Wann wird die Frau zum Objekt? Aufhänger ist wohl die Frauen-Fußball-WM. Liege ich mit meiner Themenwahl im Trend oder was? (Achtung, Scherz!)


Links zum Thema:
Mädchenmannschaft - Gemeinschaftblog junger FeministInnen
Wikipedia-Artikel zu Jean Kilbourne (englisch)
Feminist Frequency - Conversations with Pop Culture (englisch)

Sonntag, 29. Mai 2011

Spartacus: Brüste und Sandalen...

Ich möchte mich heute mal etwas in den Off-Topic-Bereich vorwagen. Anlaß dieses kleinen Exkurses ist ein Vortrag, den ich vor ein paar Tagen besucht habe: Thema “A queer perspective on Lucy Lawless – Zum lesbischen (Sub)Text in Xena und Spartacus“ (Veranstaltungsankündigung von Mutvilla)
Eigentlich hatte ich mir erhofft, ein paar Analysen und Hintergrundinformationen zu Xena abzugreifen, immerhin ist das eine der ersten, wenn nicht *die* erste TV-Serie mit einer weiblichen Hau-Drauf-Protagonistin. Sozusagen die Sandalenversion zu Ellen Ripley aus der Alien-Reihe.
Irgendwie wurde aber hauptsächlich über das Typecasting von Lucy Lawless in bisexuelle Frauenrollen gesprochen. Darin bestand dann auch die Verbindung zu Spartacus: Blood and Sand, einer Serie die ebenfalls von Robert Tapert (Lawless’ Ehemann) und Sam Raimi produziert wird. Wer die Serie schon mal gesehen hat, wird wissen, daß sich die Parallelen zwischen den beiden Produktionen darauf auch schon beschränken: Während Xena the Warrior Princess als Sandalen-Comedy mit weiblicher Identifikationsfigur im Nachmittagsprogramm ausgestrahlt wurde, handelt es sich bei Spartacus um die Sex-und-Gewalt-Orgie eines us-amerikanischen Privatsenders, in dem es von ungewohnt expliziten Szenen und „Four-Letter-Words“ nur so wimmelt. (Altersfreigabe ab 18!) Im Zuge der Darstellung römischer Dekadenz darf dann auch Lawless’ Charakter Lucretia eine Affaire mit einer Freundin beginnen. Unter Drogeneinfluß versteht sich.
Die Parallele zu einschlägigen Pornofilmen mit der obligatorischen „Lesbenszene“ drängt sich auf, zumal der unvermeidliche Dreier mit Lucretias Ehemann natürlich auch unmittelbar folgt.

Softporno-Elemente, die auch die – ebenfalls von einem Privatsender produzierte – Erfolgsserie True Blood berühmt-berüchtigt gemacht haben, scheinen sich zum Quotengarant des Pay-TVs zu entwickeln; wenngleich bei Spartacus die möglichst authentische Darstellung der historischen Fakten resp. der römischen Gesellschaft um 72BC als Vorwand für den "explicit content" herhalten muß.
Letzten Endes ist es natürlich Geschmacksache, ob man diese Pseudo-Authentizität für widerlich oder geil, fragwürdig, unterhaltsam oder interessant hält. Spuren von Feminismus und female Empowerment sind in der Serie jedenfalls nicht zu finden; die Aktivität von Frauen ist vollkommen „romantisch“ auf das Wohlbefinden und den Erfolg der von ihnen geliebten Männer gerichtet, während sie selbst als deren beständige Motivationsquelle dienen dürfen.
Eine recht klassische Konstruktion also, um nicht zu sagen archaisch, aber gut, wir befinden uns ja auch im alten Rom. ;)

Wenn man der Serie glauben darf, gehört es dazu auch ständig halb nackt durch die Gegend zu laufen. Man bekommt also nicht nur muskelbepackte, eingeölte Männerkörper zu sehen, sondern auch Frauen oben ohne: Damen, die sich im Amphitheater vor Begeisterung über die beobachteten Bluttaten die Kleider vom Leib reißen, Sklavinnen, die barbusig Wein ausschenken, sogar die Brüste der Hausherrin, ehemals vom legendären Xena-Panzer geschützt, sind des öfteren zu bewundern.
Da sich Brüste bekanntlich im Gegensatz zu den „pecs“ (Brustmuskeln) der Männer nicht trainieren lassen, wirkt die Serie ein wenig wie die Werbebroschüre eines Schönheitschirurgen: Die gezeigten Brüste sind allesamt jugendlich straff, nicht zu klein, nicht zu groß, um nicht zu sagen „perfekt“ und wundersamer Weise halten sie auch ohne jegliche Stütze ihre Form. Die Dekolletes, sofern doch mal Kleider getragen werden, sind bisweilen atemberaubend.
Einziges bekanntes Wäschestück scheint ein schmales Band zu sein, das über die Brustwarzen gebunden wird.

Venus' Unterwäsche

Angesichts heutiger Sexualisierung von Brüsten erscheint es nun schon ziemlich befremdlich, daß so spärliche Bekleidung in den Zeiten der römischen Republik wirklich üblich gewesen sein soll. Aber wie sagte schon der olle Cicero: O tempora o mores.
Es ist nicht in jeder Gesellschaft und zu jeder Zeit gleichermaßen normal, Brüste zu verstecken. Was nicht heißt, daß sie nur neutral und nicht auch sexualisiert wahrgenommen werden würden; aber eben nicht im gleichen Maß wie das heute in unserer westlich-mitteleuropäischen Gesellschaft der Fall ist. Was als schicklich gilt, ist immer auch Wandlungen und Veränderungen unterworfen. Man denke nur an die Skandale die sich im letzten Jahrhundert um Minirock und Bikini entspannen.

Ich habe also eine kurze Internetrecherche gestartet, um mich mal über antike Unterwäsche zu informieren – mit eher mäßigem Erfolg. Was wo wann wie und von wem getragen wurde, scheint in den Bereich Spezialfragen zu fallen, zu deren Beantwortung man eine klassische Bibliothek aufsuchen muß. Alles was ich finden konnte, waren Informationen die sich auf die ganze Epoche des antiken Griechenland und/oder des antiken Rom und einige bekannte Fälle/Abbildungen beziehen. Üblich war wohl das Tragen eines Bandes, griechisch apodesmos oder strophion genannt und zwar entweder als eine Art Unterbrust-Korsett mit Pushup-Effekt oder direkt über den Brüsten, beispielsweise zum Sport.

Laut Wikipedias Geschichte des BHs wurden Brüste in Rom weniger betont – unter jungen Mädchen soll das Abbinden mit sog. fascia üblich gewesen sein, um die Brüste am Wachsen zu hindern; größere Brüste wurden mit einem Band namens mamillare kaschiert. Dieses wurde unter der Kleidung getragen, während das strophium unterhalb der Brust über die Tunica gebunden wurde. 
Interessanterweise scheint das mehr oder weniger 1:1 dem heutigen Trend von Push-Up vs. Minimizer-BH zu entsprechen.


Feste Brustbänder aus Leder oder Leinen wurden in der Antike übrigens auch als Sport-BHs genutzt; da nun in Spartacus weder Athletinnen noch Gladiatorinnen (ja, die gab es auch!) vorkommen, kann man funktionale Unterwäsche aber einfach vernachlässigen.

Was haltet ihr von soviel nackter Haut im Fernsehen? Yay or nay?

Gleiches Recht für alle (die Männer sind ja auch bisweilen 
splitterfasernackt) oder unnötige Fleischbeschau?

Glaubt ihr, daß sich solche Serien negativ aufs eigene Körpergefühl auswirken
und als Folge davon eine erhöhte Nachfrage nach z.B. Brust-OPs auslösen können?



Antike Bikinis auf einem Mosaik der Villa Romana del Casale (4. Jh)