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Sonntag, 22. Januar 2012

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?

Kürzlich stellte ich fest, daß uns dieses Jahr gleich zwei Kino-Versionen von Schneewittchen bescheren wird, nämlich Snow White and the Huntsman mit Kristen Steward (Twilight) als Snow White, Chris Hemsworth (Thor) als Huntsman und Charlize Theron als böser Königin sowie Mirror, Mirror mit Julia Roberts als Stiefmutter, Sean Bean als König (Irgendwann wird er mal wieder nen Charakter spielen, der das Ende vom Film erlebt… *daumendrück*) und Lily Collins (Priest) als Schneewittchen. Daneben wird es im Februar noch einen Direct-to-DVD-Release von Grimm’s Snow White mit Eliza Bennet (Inkheart) in der Hauptrolle geben.

Bildquelle: Wikicommons
Ich muß gestehen, daß mich die offensichtlich anhaltende Beliebtheit des Stoffes ganz schön überrascht – aus feministischer Perspektive betrachtet ist die Geschichte ja schlichtweg eine Katastrophe: Nicht nur wird die Stiefmutter zum giftmischenden, menschenfressenden Monster stilisiert, sondern auch noch mit Schneewittchen als unschuldig-naivem, hausfräulichem Ideal kontrastiert, dessen genuine Jugend und Schönheit vor der pervertierten Eitelkeit einer älteren Frau gerettet werden soll. Wahrscheinlich gibt es kein misogynes Klischee, das das Märchen ausläßt. Und obwohl man die Sache ja auch etwas anders interpretieren könnte, wird diese Dichotomie von Hure/Hexe und Heilige nun in jeder Adaption der Geschichte - mal mehr mal weniger extrem - reproduziert. Während Mirror, Mirror, dem Trailer nach zu urteilen, eine Art augenzwinkernde Komödie sein soll, buchstabiert Snow White and the Huntsman den frauenfeindlichen Gehalt der Vorlage recht drastisch aus: Charlize Therons Charakter ist hier nicht nur eine böse, machtbesessene Hexe, sondern auch eine Art Vampirin, die anderen Frauen das Leben aussaugt. 

Eine ähnlich gruselige Darstellung gab es schon in einer Verfilmung mit Sigourney Weaver von 1997 (Snow White: A Tale of Terror), aber auch in Terry Gilliams Brothers Grimm (2005), in der eine böse Hexe (Monica Bellucci) junge Mädchen entführt, um mit deren Leben ihr eigenes zu verlängern. Sogar die Disney-Variante von Rapunzel (Tangled | 2010) erzählt von der bösen Stiefmutter, die Rapunzel als Quelle anhaltender Jugend mißbraucht.

Auch wenn in die Neuerzählungen immer mehr “mildernde” Umstände mit eingesponnen werden – etwa in der Form einer weniger passiven “Heldin” (Schneewittchen, respektive Angelika oder Rapunzel) – wird an der  Stiefmutter/Hexe als Inbegriff des Bösen doch durchweg festgehalten. Ihre kriminelle Energie speist sich dabei aus dem Wunsch, unnatürlicherweise (!) ewig jung und schön zu bleiben und damit (implizit) ihre Machtposition als “first lady” zu behalten, die sie eigentlich - aus Altersgründen - an Schneewittchen (oder eine andere Konkurrenz) abgeben müßte. Dabei wird nicht Schönheit als solche problematisiert, sondern Eitelkeit, Stolz, Neid und Hochmut - also die guten alten Todsünden... Schönheit ist erlaubt, solange sie "natürlich" ist und zweckfrei bleibt und die schöne Frau passiv, Gegenstand der Bewunderung irgendwelcher Kerle.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber in der Konstellation stellt sich dann plötzlich die böse Stiefmutter als geschmähte Karrierefrau und damit irgendwie Sympathieträgerin dar und Schneewittchen als die Verkörperung einer Frauenrolle, die hinter eigentlich alles zurückfällt, was man jemals als emanzipative Errungenschaft hat betrachten können. Das ist schon auch eine merkwürdige Situation, denn Schönheit als Mittel der Macht ist ja nicht unbedingt etwas, das man affirmieren möchte, oder?


Die Idee, der “Wert” einer Frau und damit verbunden ihr Einfluß (nämlich auf die Männer) ließe sich auf ihre körperliche Attraktivität reduzieren, ist natürlich keine Erfindung irgendwelcher Märchenerzähler, wenngleich sie auch in allen möglichen Geschichten von der Antike bis in die Gegenwart eine Rolle spielt: Die begehrenswerte Frau ist Motivation für Heldentaten, Ursache von Kriegen, ja sogar der Grund, weshalb die Menschen aus dem Paradies vertrieben wurden. Diese Vorstellungen prägen durchaus sehr nachhaltig unsere Vorstellungen von Identitäten und damit auch irgendwie die Realität. Wenn man beispielsweise mal versucht aus der Menge aller möglicher berühmter Frauen der älteren und neueren Geschichte, diejenigen auszuklammern, die vor allem über ihre Schönheit und/oder ihre Liaison mit einem einflußreichen Mann bekannt geworden sind, bleibt eine erschreckend kleine Zahl übrig. (Die Mütter kann man auch mal rausrechnen.) Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen, Schriftstellerinnen, erfolgreiche Unternehmerinnen oder Künstlerinnen sind nicht nur im Vergleich zu ihren männlichen Pendants bis heute extrem in der Minderzahl, sondern auch gegenüber all den weiblichen Stars, IT-Girls, Musen und Geliebten, die ihren Ruhm ihrer Attraktivität verdanken.

Weibliche Schönheit gerinnt damit zu einer Art von schlechtem Äquivalent für die Leistungen von Männern, seien es nun Erfindungen, Entdeckungen, Eroberungen oder sonst was; und bestenfalls ist sie auch noch so natürlich und unschuldig ist wie die von Schneewittchen - ohne den Beigeschmack künstlicher Hilfsmittel versteht sich.

Nun wirkt sich dieses gesellschaftliche Klima nach wie vor auf die individuelle Entwicklung und Sozialisation von Mädchen aus. Sicherlich gibt es heutzutage noch andere Karriereoptionen als Haushälterin bei den Sieben Zwergen und Hochzeit mit dem Prinzen oder eiskalte Hexe, die versucht sich einen Millionär zu angeln - trotzdem werden Kinder immer noch mit Prinzessinnengeschichten und Hochglanzzeitschriften bombardiert, in niedliche Kleider gesteckt und gelobt wie süß sie darin aussehen, gemaßregelt wenn sie zu viel (Süßes) essen, ermahnt, schön schlank zu bleiben, gehänselt wegen ihrer Brillen, Zahnspangen, Pickel, Körperhaare, Brüste, Klamotten usw. - kurz: indokriniert mit dem Dogma des "ansprechenden Äußeren".
Der Mangel an Role-Models, die nicht über körperliche Attraktivität definiert sind, führt genauso wie immer noch existierende und immer wieder wiederholte Anspruch an Mädchen gesellschaftliche Schönheitsideale zu erfüllen dazu, daß Optik nach wie vor einen, wenn nicht den zentralen Aspekt weiblicher Identitätsbildung darstellt.
Wen wundert es also, wenn viele Frauen tatsächlich genau wie Schneewittchens böse Stiefmutter den Tag mit einem überkritischen Blick in den Spiegel beginnen und die damit verbundene Erkenntnis der eigenen Imperfektion wiederum einige von ihnen in eine tiefe Krise stürzt? Die Balance zwischen Selbstakzeptanz und Perfektionsanspruch oder Selbstverbesserungstechniken und Körperschemastörung zu halten ist bisweilen schwierig; nicht umsonst leiden so viele Frauen unter Esstörungen und Minderwertigkeitskomplexen.
Im Zeitalter des Photoshop-Schneewittchens hat man als böse Königin sowieso von vorneherein verloren: Mit dem perfekten Bild der Anderen kann kaum jemand mithalten. Irgendein Makel wird sich immer finden, der die reale Frau von den quasi-fiktiven Schönheiten der Medien unterscheidet, deren ikonographische Perfektion andererseits mit jedem Jahr, jeder zusätzlichen Makeup-Schicht, jeder OP und jeder Botoxspritze bröckelt, bis sich das Schneewittchen schließlich selbst als böse Stiefmutter entpuppt. Das Phantasma der natürlichen Schönheit zerfällt in seine künstlichen Bestandteile, nur um gleichzeitig umso fanatischer behauptet zu werden.

Dabei ist es langsam höchste Zeit, dem Märchenquatsch ein Ende zu bereiten und den Teufelskreis zu durchbrechen: Frauen mögen – alle auf ihre Weise – schön und attraktiv sein, aber wir sollten nicht ewig darauf reduziert werden. Warum können wir zur Abwechslung nicht mal die Jäger, Prinzen oder Zwerge in der Geschichte sein?!

Das "Original" zum Nachlesen - Gebrüder Grimm: Schneewittchen

Bei der Gelegenheit, weil es gerade paßt, noch ein Link
zu einem Blogbeitrag über Frauenfiguren in Fernsehserien: 
denkwerkstatt: Fernsehen. Mein persönlicher TV-Frust

Der Trailer von Snow White and the Huntsman



Snow, Glass, Apples
Eine etwas ungewöhnliche Version der Geschichte,
in der Schneewittchen eine Vampirin und ihre Stiefmutter die Heldin ist.
Geschrieben von seiner Großartigkeit Neil Gaiman.

part one, read by Bebe Neuwirth and the Seeing Ear Theater.

Edit: Political Correctness wäre aber auch was anderes...  
Edit2: Öööhm. Kinky. Oder besser: disturbing.
Triggerwarning vgl. Plot / Wikipedia.


Kommentare nach dem Jump


Comments:

  • Hast du schon Once Upon a Time gesehen? Es geht um Schneewittchen und die Hexe aber offensichtlich hat es mehr zu tun, dass Schneewittchen ihre Stiefmutter irgendwie betrog und deswegen hass die Stiefmutter sie.
  • george
    Nein... ich bin noch ganz neu in den "Schneewittchen-Studies" ;)
    Aber ich glaube ich hätte wirklich Lust, mir das noch mal genauer anzusehen. Danke für den Tip!
  • Außerdem würde ich die Bücher von Gregory Maguire mal lesen, da wird der Spieß dann auch umgedreht.
    Ich hatte diese Diskussion um das Thema Gendernormen in Märchen schon öfters, insbesondere im Zusammenhang mit Disney. Was mich stört ist das soviel Potential zur Neuinterpretation vergeben wird, um das &#039Prinzessinentum&#039 zu verkaufen. Dir Originalmärchen entsprechen ja dem damaligen Zeitgeist.
    Mich haben Märchen nie angesprochen. Als Kleinkind fand ich sie zu gruselig und später waren mir Charaktere zu flach. Aber ich bin da sowieso verquer und habe oft Mitleid mit den &#039Bösen&#039.
  • george
    So klassische Märchen sind wirklich ganz schön gruselig. Aber es gibt ja unzählige Adaptionen, die sowas schon gegenwarts- oder kindertauglicher machen. Bei so richtig neuen Versionen verstehe ich aber auch nicht, weshalb da der alte Ballast mitgeschleppt werden muß. :@ Naja, ich werde das bei Gelegenheit noch vertiefen; vielleicht gibt es ja doch auch irgendwo was Fortschrittliches.

  • Ich mag Märchen. Märchen lassen mich früheren Zeitgeist verstehen und zeigen viel über die Weltanschauung damals.
    Und die Schneewittchen Studien sind ziemlich cool, ich habe mich damit noch nie so genau beschäftigt.
    Der Ausschnitt aus Neil Gaimans Version ist klasse!

    Snow White and the Huntsman klingt ja gruselig... Wird das wieder so ein Film zum Auf die Barrikaden gehen wie Twilight?
    My recent post Gewinnspiel Fraulein Annie - die Wundersame Vermehrung der Preise
  • george
    Hmmm. Ist das so mit dem Zeitgeist-Bezug? Ich hab mich damit ehrlich gesagt noch nie so richtig befaßt... irgendjemand in der Nähe, der Literaturwissenschaften studiert hat?

    Neil Gaiman: Man kann über Youtube auch den Rest hören - aber wie gesagt: Beware! Die Story ist ganz schön heftig.

    Snow White + Huntsman: Ich gehe davon aus, daß das einfach belanglos wird und kein Stalker-Pro-Lifer-Schmachtfetzen...
  • Ähm ja, ich. Aber da sind wohl eher Historiker gefragt. Natürlich galten Anfang des 19. Jahrhunderts (bzw. zum Ursprungszeiten der Folklore auf denen die Märchen beruhen) andere Moralvorstellungen, aber hier geht es ja um neue Adaptionen, die veraltete Rollenbilder wieder aufzuwärmen. Es ist ja nicht schlimm, dass der Villain weiblich ist, aber dieses ewige Damen ab 30+ sind eifersüchtige, monströse Psychopathen kann einem schon mal auf die Nerven fallen.

Hey, ich bin george und schlecht darin, mich kurz zu fassen. Ich tummle mich mit multiplen Persönlichkeiten im Netz, einige kennen mich vielleicht unter meinem Terry Pratchett-Pseudonym. Zu meinen Hobbies gehört Nörgeln, Kaffeetrinken und Prokrastinieren. Mehr Persönliches gibt es im Jahresrückblick 2013 und auf meiner Vorstellungsseite. [x]

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