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Freitag, 19. Dezember 2014

#accept every body: Das postmoderne Geständnis, Teil 2

Bezugnehmend auf Teil 1 dieser Minireihe möchte ich zuallererst auf die Kampagne Trans*Bashback hinweisen, die sich gegen Trans*diskriminierung richtet. Die Mail dazu erreichte mich einen Tag, nachdem ich den letzten Blogpost veröffentlicht hatte.

Neben der Geschlechtsidentität, die beim letzten Mal Thema war, beinhaltet eine Selbstbeschreibung oft noch einen Marker für die Hautfarbe und/oder die Herkunft. Die deutsche Bevölkerung ist so mehrheitlich weiß, dass die meisten eine solche Selbstbeschreibung nicht auf dem Schirm haben. Weiß zu sein, das ist eben normal und damit unsichtbar. Auffällig ist nur, wenn jemand nicht-weiß und/oder nicht-deutsch ist. 

Die Verschränkung von Nationalität und rassistischer Zuschreibung ist ein superkompliziertes Thema und rumzuspekulieren, wer nun in welchem Grad diskriminiert wird, würde den Rahmen dieses Postings sprengen. Unstrittig ist aber wohl, dass einer weißen Person aus Schweden i.d.R. weniger differenzierende Merkmale unterstellt werden als jemandem der aus Polen kommt. Dass Türk*innen als ‘fremder’ wahrgenommen werden als Italiener*innen. Dass die Diskriminierung zunimmt, je dunkler die Hautfarbe ist.

So sehr wir uns das auch jeweils wünschen mögen: wir sind nun mal nicht farbenblind, wenn es um nicht-weiße Menschen geht. Das einzige, was wir strukturell nicht sehen können, ist das Weißsein. Wir denken uns wenig bei der Auswahl von Makeup-Farben oder dabei, welche Farbe Pflaster und Verbände und Unterwäsche haben, die als ‘hautfarben’ oder ‘nude’ ausgezeichnet sind. Ich werde auch nicht von jedem sofort gefragt, wo ich herkomme. Höchstens manchmal, im Zuge eines längeren Gesprächs, ob ich denn in Berlin aufgewachsen bin. Ich werde auch nicht fetischisiert und exotisiert, weil ich eine Frau bin und einer nicht-weißen Minderheit angehöre. 

Den Marker “Ich bin weiß” aufzumachen, heißt insofern einfach, darüber nachzudenken, was es bedeutet weiß zu sein, welche Privilegien der Unsichtbarkeit und Normalität damit verbunden sind und welche rassistischen Vorurteile wir unreflektiert mit uns herumschleppen.

Es ist nicht immer leicht, das Dilemma auszuhalten, eigentlich zu “den Guten” gehören zu wollen, aber sich eingestehen zu müssen, dass das eben nicht nur eine reine Willensentscheidung ist. Es ist auch nicht einfach, einen vernünftigen Umgang mit dieser Problematik zu finden und weder jegliche Schuld an strukturellem Rassismus von sich zu weisen noch in ein beständiges Mea Culpa zu verfallen.

An der Stelle wird vielleicht auch deutlich, warum ich die ganze Angelegenheit selbst so ein bisschen spöttisch Geständnis nenne. (Und ja, das ist natürlich auch bei Foucault geliehen)

Apropos, mehr oder weniger elegante Überleitung: Sexualität und Wahrheit ;)

Es ist 2014 und in 17 Ländern der Welt (und in den USA immerhin in 40 Bundesstaaten) können homosexuelle Paare heiraten. Deutschland gehört nicht dazu. 

Trotzdem ist auch hierzulande der mehr oder weniger aufgeklärten Bürger*in natürlich bewusst, dass es ziemlich viele Menschen gibt, die nicht heterosexuell sind, sondern sich zu Personen des gleichen Geschlechts hingezogen fühlen. Im Allgemeinen wird Homosexualität dann einfach als Abweichung vom Normalzustand der Heterosexualität aufgefasst. 

Unglaublicherweise ist damit aber noch nicht alles zum Thema Sexualität gesagt, denn es gibt ja auch noch Menschen, die sich sexuell zu Männern und Frauen hingezogen fühlen, also bisexuell sind. Und Menschen, die sexuelle Attraktion nicht von dem als biologisch definiertem Geschlecht abhängig machen – das nennt sich dann pansexuell.

Darüberhinaus lese ich in letzter Zeit immer mehr die Selbstbeschreibung ‘asexuell’. Dass erwachsene Menschen irgendwie an Sexualität interessiert sein müssen, egal ob dann hetero oder homo oder bi, das ist auch so ein unausgesprochenes Dogma. Sexualität gilt als unbestreitbares menschliches Bedürfnis, dabei sollte ja eigentlich jede*r der*die schon sexuelle Erfahrungen gesammelt hat, auch schon mitbekommen haben, dass nicht jede*r gleich viel Lust hat. Manche wollen immer, manche wollen eher so nie. Und während beide Pole pathologisiert werden, gilt das Mittelfeld als normal. Was auch immer das dann sein soll.

Asexualität ist dabei ein Wort, das höchstens als Schimpfwort für diejenigen gebraucht wird, denen man sexuelle Attraktivität absprechen will. Sexy zu sein gehört in unserer Gesellschaft fest zum Set der höchst erstrebenswerten Eigenschaften. So wie erfolgreich und intelligent. 

Sich mit der Selbstbeschreibung ‘asexuell’ oder auch ‘demisexual’/‘greysexual’ aus diesem gesellschaftlichen Normalisierungsprozess rausziehen zu können, scheint gerade bei Teenagern im Internet gut anzukommen. Gefühlt vergeht keine Tumblr-Surf-Session mehr, bei der ich nicht auf Selbstzuschreibungen dieser Art treffe. Nun ist das Internet natürlich auch ein Super-Ort für Leute, die keine körperliche Nähe zu anderen Menschen suchen. Das erklärt die Häufung.

Gleichzeitig ist das Phänomen des strukturellen sexuellen Desinteresses aber auch kein neues. Man denke nur an die zahllosen Beziehungsratgeber, die versprechen wieder Leidenschaft in eine sexlose Ehe zu zaubern. Die Frage, die sich dabei stellen sollte – und die leider so selten formuliert wird – ist ob nicht einfach grundsätzlich Libido eine sehr ungleich verteilte Angelegenheit ist und ob es Sinn macht, zu versuchen daran rumzuschrauben.

Ein wenig Licht auf die Problematik wirft eine ergänzende Bezeichnung, die das romantische Bedürfnis erklären soll. Ein Sheldon Cooper (Big Bang Theory) z.B. scheint zwar recht deutlich asexuell zu sein, seine Beziehung zu Amy spricht aber dafür, dass er kein Aromantiker ist, sondern vermutlich ‘heteroromantisch’. 

Wenn man die Frage der Romantik einbezieht, dann eröffnet sich plötzlich ein ganz neues Level von Beziehungen: die besten Freundinnen, die sich verhalten wie ein altes Ehepaar, die Beziehungen, die super laufen – bis auf das Liebesleben; die Begrifflichkeit erfasst, dass wir Menschen extrem nahe sein können, ohne unbedingt mit ihnen ins Bett zu wollen. 
Ein Begriff schafft immer auch die Möglichkeit, etwas zu denken (und zu verstehen), das ohne ihn völlig unbegriffen bliebe. (Die Gefahr, Worte nur wie Etiketten auf irgendwas draufzukleben, muss man natürlich auch im Hinterkopf behalten)

Wenn ich lese, dass sich jemand mit 15 als biromantisch und greysexuell beschreibt, dann freue ich mich darüber, wie viel Freiheit und Selbstbestimmung alleine diese Identifizierung schon beinhaltet, die Menschen, 10, 20, 30 Jahre später noch nicht für sich reklamiert haben.

Das geht nun über Körperakzeptanz schon ein Stück hinaus – aber gleichzeitig auch wieder nicht, denn Sexualität selbstbestimmt praktizieren zu können mit einem minimierten gesellschaftlichen Druck, also eine Verteidigungsstrategie gegen die Regeln wann und wie oft man mit wem denn ‘normalerweise’ Sex haben muss, zu haben, zielt wieder zurück auf den Kern der ganze Idee.

Damit ist für heute auch schon wieder Schluss. Ich freu mich wie immer über eure Kommentare und Meinungen.
Cheerio,
eure george
CaligulaRib on tumblr "Current sexual orientation:
Idris Elba decorating a Christmas tree in space"


Mittwoch, 10. Dezember 2014

#accept every body: Das postmoderne Geständnis, Teil 1

Wer sich ein bisschen in den alternativen Ecken des Internets (*hust* tumblr *hust*) herumtreibt, stolpert immer häufiger über ein Set von Selbstidentifizierungen. In der Regel beinhaltet das eine Geschlechtszuschreibung, also sieht sich die Person als weiblich, männlich oder nicht-binär (also weder männlich noch weiblich), dann ob die Person die Geschlechtisdentität annimmt, die bei Geburt erfolgt wird (cis = Übereinstimmung, trans = Nicht-Übereinstimmung). In meinem Fall wäre das bspw. so, dass ich mich als weiblich identifiziere, was auch das Geschlecht ist, dass mir bei Geburt zugeschrieben wurde. Nach dem Muster würde ich mich also als cis-Frau bezeichnen.

Der Sinn dieser Unterteilung erschließt sich für viele erst mal nicht, weil sie zwischen dem, wofür sie die Gesellschaft hält, und ihrer eigenen Geschlechtsidentität keine Differenz wahrnehmen. Wenn mich jemand als Frau XY anspricht, dann ist das ja für mich korrekt. Nun hat aber sicher jede/r schon mal so einen Moment gehabt, in dem jemandem ein Fehler in der Ansprache unterlaufen ist. Z.B. wenn ein Brief falsch adressiert ist. Wenn ich als Herrn XY angesprochen werde, rolle ich die Augen und denke mir “Näh. Wie kommen die denn drauf, dass ich ein Herr XY sein könnte…”

Das ist natürlich eine Kleinigkeit, aber es stört mich doch so ein bisschen. Ein prägenderes Beispiel war für mich der Beginn meiner Pubertät – ich habe mich als Kind sehr stark mit Jungen identifiziert. Das spiegelt sich jetzt noch in der Wahl meines Nicknames (Georgina ‘George’ Kirrin von den Famous Five/5 Freunden). Hätte ich die Wahl gehabt, wäre ich lieber ein Junge gewesen, denn Jungen sind mutig und stark und schnell und irgendwie besser als weinerliche Mädchen. Sic! (Ich lasse das jetzt einfach mal so stehen) Doch dann kam der Moment, in dem ich es plötzlich beleidigend und verletzend fand mit meinem Tomboy-Outfit und den kurzen Haaren für einen Jungen gehalten zu werden. Im Zuge des Erwachsen(er)werdens begann ich mich doch als Mädchen zu identifizieren. Daran hing für mich auch eine heterosexuelle Begehrensstruktur: ich wollte als Frau wahrgenommen werden. Um meine Weiblichkeit zu verdeutlichen, habe ich dann angefangen meine Haare wachsen zu lassen und meine Augen zu schminken. Das ist dann ein Teil von dem was man “doing gender” nennt: eine Geschlechtsidentität performen.

Hier sieht man vielleicht schon – an dieser wirklich nur klitzekleinen Brucherfahrung mit dem was wir in der Regel unhinterfragt als Normalität wahrnehmen – dass sich an dem Punkt mehrere Selbst- und Fremdzuschreibungen überschneiden, die letztlich bestimmen, wer man ist.

Und wir haben wohl alle das Bedürfnis, in unserer Individualität und Besonderheit von anderen anerkannt zu werden, also so gesehen zu werden, wie wir uns auch selber sehen.

Hier setzt das an, was ich in der Überschrift so ein bisschen flapsig das postmoderne Geständnis genannt habe: ich beschreibe mich öffentlich mit einer Reihe von “Markern”, um der Festlegung von außen vorzugreifen. Und auch um klar zu machen, dass nicht nur die Abweichung von der Norm etwas ist, das man benennen muss. Es ist auch prägend, wenn man mit seiner (Teil-)Identität auf gar keine Widerstände stößt, also das Privileg hat, dass Fremd- und Selbstbild gar nicht oder kaum auseinanderfallen.

Wenn mich jemand kennenlernt, dann wird er oder sie ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass ich eine cis-Frau bin, weil optisch alles darauf hindeutet. Für mich gibt es da entsprechend kein Problem, ich sehe mich ja selber so.

Es ist aber auch wichtig festzustellen, dass es Leute gibt, die ständig falsch zugeordnet werden, eben weil sich ihr Erscheinungsbild nicht mit dem deckt, was die gesellschaftliche Erwartunghaltung ist. Oder einfach weil sie – Skandal! – sich in keiner der beiden zur Verfügung stehenden Schubladen verorten können/wollen.

Für jemanden, der noch nie darüber nachgedacht hat, erscheint das evlt. erst einmal schräg. Wir sind gewohnt, dass Menschen entweder männlich oder weiblich sind. Wenn wir jemanden nicht sofort zuordnen können, werden wir nervös. Vielleicht seid ihr auch schon mal im Bus jemandem gegenüber gesessen, den ihr nicht identifizieren konntet und habt euch dabei erwischt nach Bartstoppeln zu suchen oder den Hals auf einen Adamsapfel gescannt oder weiß der Teufel?

Es ist schwierig, das abzustellen, vielleicht unmöglich, aber wenn wir uns für liberal und weltoffen und progressiv halten (und ich hoffe, die LeserInnen dieses Blogs tun das ;)), dann müssen wir einfach mal festhalten, dass Individualität eben nichts ist, was notwendigerweise in unsere Denkschemata passt und unser Denken das ist, was sich anzupassen hat. Ich zumindest würde anderen Menschen gerne mit Respekt begegnen und sie so ansprechen, wie sie es sich wünschen.

Zur nichtbinären Identität gehört – zumindest im englischen Sprachraum – ein Sortiment von geschlechtsneutralen Pronomen. Also neben weiblichen (she/her) und männlichen (he/his) gibt es noch eine Reihe von anderen Pronomen, um deren Benutzung im Zweifelsfall gebeten wird. Am häufigsten ist ein einfacher Plural (they/their), der z.T. auch im Deutschen Anwendung findet. Eine Liste von anderen Optionen findet ihr bei der englischen Wikipedia im Artikel Gender-neutral pronouns.

Im Endeffekt geht es beim postmodernen Geständnis also um zwei Dinge: dass Menschen so angesprochen und betitelt werden, wie sie es möchten – aber auch darum, dass sichtbar gemacht wird, dass üblicherweise verwendete Zuschreibungen nicht selbstverständlich sind.

Wenn ich also über mich sage, ich bin cis-weiblich und für mich sollten bitte die Pronomen sie/ihr verwendet werden, das erscheint das erst einmal überflüssig. Aber gerade so kann ich zeigen, dass es eben keine ‘natürliche Sache’ ist, sondern eine gesellschaftliche, in der sich Fremd- und Selbstzuschreibung nicht zwingend harmonisch verhalten.

Puh, ja, starker Tobak für einen Lingerieblog, ich gebe es zu.
Allerdings gehört das für mich zur Kampagne “accept every body” schon ziemlich essentiell dazu. Und so richtig Brafitting-interessiert bin ich leider gerade nicht - ich hoffe, ihr findet das Thema nicht allzu off topic und vielleicht doch ein bisschen interessant und auch wichtig.

Ich mache jetzt hier für heute mal einen Cut. Demnächst mehr über Sexualität, Hautfarbe, Herkunft, und was sonst noch so dazu gehört...

Habt ihr schon eine Meinung zum Thema?
Immer her mit den Kommentaren!

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Jessica Simpson for Esquire via 90swoman.wordpress.com

Sonntag, 11. Mai 2014

# accept every body – Was ich mir dazu so gedacht habe...

Als mir Anne vor einer Weile von ihrer Idee erzählte, eine Kampagne für gegen Körpernormativität zu machen, hielt ich sofort alle Daumen hoch – mehr Bewußtsein für Diversität, zur Abwechslung auch mal im deutschsprachigen Internet kann sicher nicht schaden. Und so haben wir dann eine Weile über Google-Docs an einem Grundlagentext gebastelt, Anne hat mir ihren eigenen, sehr persönlichen Zugang zum Thema vorgestellt (coming up!) und dann war da noch die Frage nach einem Namen…

Any Body, Every Body, gab es natürlich alles schon. Mit dem Accept davor haben wir dann einen Kompromiß erzielt, mit dem wir leben konnten. Accept Every Body. Mit einer Leerstelle zwischen, denn es geht nicht um everybody wie jede*r (und um das Tolerieren von Einstellungen, Meinungen, Weltanschauungen oder sonstwas), sondern eben um jeden, indivduellen, einzigartigen, besonderen Körper, den man doch gefälligst akzeptieren soll, weil Körper halt unterschiedlich sind. Wir hätten vielleicht auch sagen können “embrace” every body, aber das wär irgendwie so religiös aufgeladen gewesen.

Wie dem auch sei, jetzt gibt es also diese Kampagne und nach zwei Wochen wird es Zeit, als Co-Initiatorin auch mal was dazu zu sagen. 



Zur Idee…

Anne und ich sind ja beide schon seit mehreren Jahren bei den Busenfreundinnen (Messageboard für BH-Anpassung/Bra Fitting) aktiv; dort im Forum hat sich im Lauf der Zeit eine relativ strikte Policy entwickelt, was die Bewertung von Körpern angeht. Am Anfang hatten wir hauptsächlich negative Kommentare verboten, die sich auf körperliche Attribute bezogen statt auf den Sitz des BHs. Das war vor allem für die sog. “Galerie” relevant, das ist ein geschützter Bereich, in dem man Bilder vom Oberkörper im BH einstellen kann, um Tips zur Passform zu bekommen. Nach einer Weile stellte sich aber heraus, daß auch Komplimente ein Problem waren – eskaliert ist es an einem Fall, an dem eine Frau wiederholt für ihre tolle Figur komplimentiert wurde, während das, was sie an anderen Stellen im Forum geschrieben hatte, darauf hindeutete, daß sie möglicherweise an einer Esstörung litt. Ich sage das deswegen dazu, weil durch die Möglichkeit einer Esstörung das erstrebenswerte Ideal des schlanken Körpers überhaupt erst als problematisch sichtbar wurde. Vorher wurden solche Kommentare einfach übergangen, weil sie ja anerkennend und ermunternd gemeint waren. Über diesen gedanklichen Umweg wurde offensichtlich, daß gesellschaftliche Ideale auch positiv formuliert ein negatives Klima verursachen könen und Komplimente genau wie abwertende Kommentare eine Folie aufmachen auf der sich die Frauen miteinander vergleichen. Die Probleme sind schlußendlich recht ähnlich; die Schwierigkeit mit Komplimenten ist nur weniger offensichtlich.

Über andere nicht schlecht zu sprechen ist auf 'ne Art einfach ein Gebot von Anstand und Höflichkeit, das durchzusetzen ist nun nicht sooo schwierig. Zu problematisieren, daß Komplimente häufig nach hinten losgehen, war schon weniger einfach, aber was sich als hauptsächliches Problem herausstellte, war Frauen davon abzuhalten, permanent über die eigenen “Mängel” zu jammern und zu klagen. 

Ich muß sicherlich nicht aufzählen, welche besserungswürdigen Aspekte es am Körper so gibt, die Liste ist bekanntlich endlos und das Schönheitsideal per definitionem unerfüllbar. Ich glaube aber, man fühlt sich umso imperfekter, je mehr man sich mit anderen vergleicht; schon deswegen weil unser Bild von Körpern sehr stark über die Medien präformiert wird und da ja quasi nur perfektionierte Menschen gezeigt werden. Dagegen sind selbst die schönsten Menschen nicht perfekt genug. Die Beobachtung aus dem Busenfreundinnen-Forum war nun: wenn man versucht die Vergleiche einzudämmen und sich selber einfach mal freundlicher und mit der Prämisse, daß man schon gut ist wie man so ist, zu begegnen, führt das direkt zu einem besseren Gefühl, mehr Zufriedenheit, etc. pp. Man kann sich den überkritischen Blick in den Spiegel also auch wieder abgewöhnen.


Subjektivität vs. Objektivität

Das erste Anliegen von Accept Every Body ist, an der subjektiven Ebene zu schrauben, also Frauen (oder allgemeiner: Menschen) die Möglichkeit aufzuzeigen aus dem ewigen Zyklus von Sich-mit-anderen-Vergleichen, Selbstkritik und Selbsthass auszusteigen und zu versuchen sich so anzunehmen wie sie sind. Einen freundlicheren Blick auf das zu entwickeln was sie sehen – auch und gerade wenn es sich dabei um den eigenen Körper handelt.

Nun wäre es aber naiv zu glauben, daß das Problem rein auf der subjektiven Ebene der Selbstwahrnehmung zu lösen wäre, denn viel Kritik kommt ja tatsächlich von außen, sei es implizit über die Medien, die Ideale propagieren oder auch explizit über geäußerte Meinungen, Diskriminierungen, Ungleichheiten mit denen man konfrontiert wird, sobald man nicht der "Norm" entspricht. Das heißt, wir haben es immer mit zwei Ebenen zu tun: der subjektiven, also der Frage “Wie (im)perfekt fühle ich mich?” und mit der objektiven “Wie mangelhaft/vollkommen sieht die Gesellschaft meinen Körper?” Das überschneidet sich natürlich an Punkten, aber nicht überall.

Der zweite wichtige Punkt an Accept Every Body ist daher für mich, die Problemstellung über die subjektive Selbstwahrnehmung und den diesbezüglichen Vergleich mit anderen zu erweitern; also nicht nur zu sagen, ich mag mich selber wie ich bin und ich finde auch daß andere nicht unter ähnlichen Gesichtspunkten abgewertet werden dürfen sondern an der Stelle noch weiterzugehen, und sich auf andere Perspektiven einzulassen. Also auch die Frage zu stellen, inwiefern andere Menschen von normierenden Prozessen betroffen sind - die vielleicht noch deutlich repressiver sind, als diejenigen, denen ich selber unterworfen bin.

So wie ich es bisher formuliert habe, wäre es naheliegend das Konzept der Körperakzeptanz auf einen gewissen persönlichen Erfahrungsbereich zu limitieren, also beispielsweise im Sinne einer Einforderung von Anerkennung für die jeweils individuellen Abweichungen vom - zum Beispiel - Schönheitsideal anzuwenden. Das wäre soetwas wie ein symbolischer Mittelfinger an die einschlägigen Frauenzeitschriften-Themen. Und ich finde auch, daß der ganzen Sache mit Fatshaming, Diätblödsinn, Fitspo und Körperoptimierung im allgemeinen mal ein Riegel vorgeschoben werden müßte: wir leben 2014, da kann man sich doch nicht die ganze Zeit mit so überholten Denkstrukturen rumschlagen müssen, oder?

ABER, apropos überholte Denkstrukturen, jenseits dessen, woran die Durchschnittsperson denkt, gibt es im Bereich Körperbewertung auch noch andere Problematiken, solche die nicht nur was mit dick und dünn, schön oder häßlich zu tun haben. Was uns zuerst einfällt hat einfach was mit unserem Erfahrungshintergrund zu tun. Ich z.B. bin eine (relativ) junge Frau, weiß, ich identifiziere mich mit meinem mir biologisch zugeordneten Geschlecht, bewege mich am oberen Ende des herkömmlichen Konfektionsgrößenangebots bei etwas überdurchschnittlicher Körpergröße, bin nicht chronisch krank oder behindert. Ich wage zu behaupten, daß meine Probleme mit Körperbewertungen recht durchschnittlich sind: sexistische Sprüche, generelle Diskriminierung aufgrund meines Geschlechts, der ganzen Schönheit-/Schlankheitsquatsch… Das ist natürlich ätzend. Gleichzeitig erfahre ich aber auch bei weitem nicht die ganze Bandbreite von Repressionen, denen Menschen aufgrund ihrer körperlichen Voraussetzungen ausgesetzt sein können.

Zum Thema Körper gehören auch rassistische und biologistische Zuschreibungen, von denen ich als weiße Cis-Frau erst mal nichts mitbekomme. Meine Hautfarbe ist 'normal', also unsichbar und wird nicht thematisiert, mein Geschlecht ist zwar nicht männlich (was wiederum die unsichbare Norm wäre), aber immerhin 'eindeutig'. Ich kann hören, sehen, sprechen, laufen usw., bin da also auf keiner Ebene eingeschränkt. Die Auseinandersetzung mit Altern und damit verbundenen körperlichen Unzulänglichkeiten und Krankheiten usw. steht mir noch bevor. Derzeit bin ich soweit 'intakt', daß ich mir darüber keine Gedanken machen muß. Diese objektiven Ebenen von Körpernormativität entziehen sich also meiner subjektiven Erfahrung. Ich sehe die Zumutungen gesellschaftlicher Normen und Ideale häufig nur dort, wo ich ihnen selber nicht entspreche. D.h. ich bin an vielen Stellen privilegiert und wie es in der Natur von Privilegien liegt, sehe ich das nicht als Vorteil gegenüber anderen sondern einfach als Normalität.


Für die Verschiedenheit von Körpern!

Für mich heißt an Accept Every Body teilzunehmen, mich auf die Anstrengung einzulassen, auch andere Perspektiven auf das Thema Körper zu reflektieren. Mal über den eigenen Tellerrand zu gucken. Nicht nur einzufordern, daß ich okay sein muß, wie ich eben so bin, sondern auch andere, die in nicht so mainstreamigen Positionen stecken. 

Damit geht dann doch noch mal eine Bewertungs- oder vielleicht besser Beurteilungsebene einher, die man, wenn man es ernst meint, nicht einfach unter den Tisch fallen lassen kann – daß wir alle mit Körpernormen und –idealen konfrontiert werden heißt ja nicht, alle objektiv gleichermaßen davon betroffen ist. Vielfach ist z.B. das Problem nicht alleine in einer subjektiven Umbewertung aufzulösen – eine gesellschaftliche Diskriminierung oder auch ein objektives Problem besteht auch jenseits der subjektiven Ebene (z.B. daß man sich als Rollifahrerin nur sehr eingeschränkt bewegen kann, weil  fast keine Enthinderungsmaßnahmen getroffen werden, sondern alles nur auf Leute ausgelegt ist, die laufen können). 

Accept Every Body bedeutet auch, sensibel auf andere zu reagieren, Probleme wahrzunehmen die nicht die eigenen sind, sich um einen respektvollen Umgang mit anderen zu bemühen. “Frei von Körperbewertung”, das ist ein Ideal, das wir anstreben, nicht etwas, von dem wir glauben, daß es sich so mir nichts dir nichts umsetzen läßt, denn nobody’s perfect (in diesem Fall ohne ‘Lücke’), das Projekt ist ein ‘work in progress’.

In diesem Sinne hoffen wir natürlich, daß sich unter dem Label / Hashtag #AcceptEveryBody noch andere zu Wort melden. Diversity kommt nur über verschiedene Perspektiven zustande. Also: Schreibt selber was auf euren Blogs und schickt / twittert uns die Links dazu (@accept_eb) oder, falls ihr keinen Blog habt, schickt uns eure Texte an everybody@bhlounge.de.

Wir haben auch eine Facebookseite: https://www.facebook.com/accepteverybody
und, last but not least, der Kampagnentext: http://blog.bhlounge.de/accepteverybody/


Alsö, verehrte Leser*innen,
her mit euren Beiträgen und Meinungen!
Wir sind gespannt. :)


Montag, 5. Mai 2014

Accept Every Body

Und noch eine kurze Meldung: george und Anne-Luise von der BH Lounge in Hannover haben vor wenigen Tagen die Accept Every Body Kampagne gestartet, schaut unbedingt mal rein :) Ihr könnt der Kampagne auch auf Facebook folgen sowie eigene Beiträge zum Thema schreiben, wenn ihr möchtet.





 Diesen Banner findet ihr jetzt übrigens auch rechts oben in unserem drüber & drunter Blog! :)

Anja ist seit November 2013 mit dabei. Nach ihrem Psychologiestudium arbeitete sie erst als Brafitterin ehe sie sich als Psychologin selbstständig machte. Ihre Leidenschaft für (gut sitzende) Wäsche ist nach wie vor ungebrochen, darum findet ihr sie seit Juni 2014 auch auf ihrem eigenen Blog: Everyday Boudoir.