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Samstag, 18. Juni 2016

Ich denke, dass das aus zwei Gründen problematisch ist...

Die Sat3 Kulturzeit zum Thema Nein heißt Nein

Es ist 2016 und wird ernsthaft diskutiert, ob es nicht vielleicht unter Strafe gestellt werden sollte, wenn sich jemand über ein erklärtes “Nein” seiner Sexpartner_innen hinwegsetzt. Das alleine ist schon skurril genug, möchte man meinen. Aber gut, der Fortschritt ist langsamer als es viele von uns gerne hätten.

Die Debatte dümpelt also in den Medien so vor sich hin, befeuert von denkbar absurden Urteilen (Gina-Lisa Lohfink, Emily Doe/Stanford) werden die immergleichen Argumente vorgebracht. Im Allgemeinen werden Strafrechtler_innen, Politiker_innen und Feminist_innen zum Thema befragt. Die 3Sat Kulturzeit hat sich eine Philosophin eingeladen. Bisschen Abwechslung muss ja sein und Philsophen sind bekanntlich diejenigen, die professionell nachdenken. Da können ja nur kluge Sachen bei rauskommen, ne?

Also darf Frau Dr Svenja Flasspöhler fast 7 Minuten lang (abzüglich sehr nachdenklich-philosophischer Nachfragen der Interviewerin) sagen, was sie sich so gedacht hat. Mal so ganz, naja, abstrakt-philosophisch. [Hier gibt’s noch ein paar Tage den Video-Clip.]

Als Philosophin kann ich euch das mal schnell erklären: das Schöne an Philosophie ist, dass man da einfach mal so frei von der Leber weg denken kann. Man muss also nicht erst wie Soziolog_innen oder Politikwissenschaftler_innen langwierige Recherchen und Forschungen anstellen, oder wie Jurist_innen einen Einblick in eine Debatte um Gesetze und so haben. Nein, man setzt sich einfach in sein Kämmerchen, guckt seine Dissertationsurkunde an, nach der man ja verbriefte professionelle Nachdenkerin ist, holt sich vielleicht noch ein, zwei Bücher aus dem Regal, und guckt da rein. Voller Zuversicht, dass auch schon früher, so vor 250 Jahren zum Beispiel, schon mal jemand was über Frauen gesagt hat. Und dann ist man auch schon prima vorbereitet auf ein Interview.

Also, es ist immer gut, gleich zu Anfang festzustellen, dass man mehr als einen Grund hat, warum man etwas problematisch findet. Das gibt der eigenen Position schon mal den nötigen Tiefgang.

Frau Flasspöhler fängt mit dem Naheliegensten an. Man ahnt es bereits. Der erste Grund ist, naja, so ein Nein... das ist ja schon auch ein bisschen schwammig, oder?

Also eine Frau muss sich nach der vorgeschlagenen Neuerung nicht mehr wehren, nicht mehr schreien, ja nicht einmal (sic!) versuchen zu fliehen, damit ein Sexualakt rechtlich eine Vergewaltigung ist, “sondern einzig und allein ihren Unwillen entweder verbal oder auf sonstige Art und Weise (befremdetes Kopfschütteln) zum Ausdruck bringen.”
In anderen Worten – es wird gefordert, dass die Nichtbeachtung des ERKÄRTEN WILLENS einer Frau (oder auch eines Mannes) ausreicht, damit der Straftatbestand der Vergewaltigung erfüllt ist. 

Was soll man sagen? Wenn man die ganzen Schauermärchen-Ideen um das Verbrechen rauskürzt, dann wirkt es plötzlich so alltäglich, nicht? Damit sind natürlich Falschbezichtigungen Tür und Tor geöffnet, findet Frau Flasspöhler. Warum? Unklar. Wird einfach mal angenommen, so spekulativ. Das ist ja wie gesagt das Schöne an Philosophie, dass man ganz ohne Referenz auf Erfahrungsgehalte, so ganz rein-vernünftig philosophisch, an die Welt herangehen kann. Also nach dem Motto, wenn die Welt gar nicht so wäre wie sie ist, wenn wir gar nichts wüssten über die Welt, was würden wir dann denken.Wirklich, ist Philosophie nicht eine tolle Sache? Ganz knorke. Aber zurück zum Thema.

Wenn wir also Nein heißt Nein annehmen, dann kann das zu Misstrauen in Beziehungen führen, sagt Frau Dr Flasspöhler, Philosophin. Wenn eine Beziehung z.B. eine krisenhafte Zeit durchläuft und man Sex miteinander hat, dann könnte also die Frau den Mann hinterher der Vergewaltigung bezichtigen. Also jetzt mal so rein theoretisch konstruiert. (Darum geht's ja bei Philosophie)

ERSCHRECKEND. Ich sag euch, das wäre ganz ganz furchtbar. Man stelle sich nur vor, zu wie vielen Fehlanklagen es dann kommen könnte oder besser noch: würde. Frauen könnten dann Männer einfach so der Vergewaltigung beschuldigen. Aus Rache, Missgunst oder Reue zum Beispiel, sagt die Sat3-Philosophin.
Das ist schon ein Problem. Das müssen doch alle zugeben, oder? Darüber, wie das Rechtssystem funktioniert und dass eine Beschuldigung noch keine Verurteilung ist, sprechen wir aber nicht. Auch nicht über das Verhältnis von geschaftlichen Moralvorstellungen und Recht oder Gerechtigkeit und Recht oder Ethik und Recht. Oder über irgendetwas anderes, wozu eine Philosophin vielleicht etwas Sinnvolles beizutragen hätte.

Denn, noch viel schwerwiegender und auch interessanter findet Frau Flasspöhler eigentlich, dass ein Sachverhalt bei der Diskussion völlig unterbelichtet geblieben sei. Und zwar würde immer wieder gesagt, Nein heißt Nein sei stolzer Ausdruck weiblicher Selbstbestimmung. Das sei aber nicht richtig, DENN
– Fanfare, jetzt kommt waschechte Philosophie vom Feinsten -
das Nein, die Koppelung von Negativität und Weiblichkeit, ist eine Geburt und eine Erfordernis des Patriarchats.

Um das herauszufinden muss man nur Rousseau lesen. Rousseaus Emile um genau zu sein. Da würde nämlich sehr schön gezeigt wie das weibliche bürgerliche Subjekt (äh ja, ob es das gibt, sei mal dahingestellt, also ob bürgerliches Subjekt wie es die damalige Philosophie begriffen hat, nicht vielleicht konstitutiv männlich ist, aber egal) Nein sagen müsse zu den Avancen des Mannes, um sich als bürgerliches, weibliches Subjekt zu setzen. (Okay, wir könnten jetzt natürlich auch diskutieren, ob evtl die Zurückweisung des Anderen als irgendwie konstitutiv für die Idee des Subjekts und seiner Identität gelten könnte, man denke nur an äh, Fichte und Hegel zum Beispiel, aber das führt jetzt wohl zu weit vom Thema weg).
Weil nämlich so sagt Frau Flasspöhler so sagt Rousseau eine hungrige, grenzenlose weibliche Sexualität, die Männer verschlingt, die sei eigentlich gesellschaftlich unmöglich, würde die Familie auflösen und die Bande der Natur brechen. D.h. die gezügelte, nein sagende Frau steht ganz im Dienste des Patriarchats.
Äh, was jetzt?

Die Interviewerin kann offensichtlich auch nicht folgen und fragt, ob die neuerdings auftretenden Skandale auf ein autonomeres Frauenbild hinwiesen.
Überraschenderweise findet Frau Flasspöhler das nicht, denn: dazu müsse man sich vom Geiste des Patriarchats verabschieden und die Koppelung von Negativität und Weiblichkeit zurückgewiesen und aufgelöst werden. Man hinge nämlich, um es mal psychoanalytisch zu sagen, immer noch am Phallus.
(Unter uns, das gibt Kultur-Bonuspunkte. Auf Psychoanalyse zu verweisen, kommt immer gut, dann kann man mal zeigen, dass man auch noch mehr gelesen hat als nur philosophische Werke. Plus, Phallus und Vergewaltigung, das ist doch schon fast witzig, oder? Philosophen-High-Five. Äh ja aber sonst, Kontext?)

Frau Flasspöhler erklärt weiter, dass die Verknüpfung von Negativität und Weiblichkeit, die sich sowohl im Nein als auch in dem Nichts artikuliert, also die müsste durchbrochen werden, (Achtung, freie Assoziation, apropos Psychoanalyse, irgendwo bricht hier der Gedankengang ab, aber -)

denn Lacan hätte ja schon gesagt “La femme n'existe pas”, übersetzt bedeutet das so viel, wie kein Penis, kein Begehren, keine weibliche Subjektivität. (Na logen!)

Das wiederum hieße: Die weibliche sexuelle Position existiere in der patriarchalen Kulturgeschichte eigentlich gar nicht. Frau Flasspöhler findet, da müsse man doch eigentlich ansetzen und eine positive, an Positivität geknüpfte Geschichte von Weiblichkeit erzählen, so dass die Frau da auch gestärkt heraus hervorgehen kann.

(Ja, klar, das ist auch viel wichtiger und auch was ganz anderes, als das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung zu stärken.)

Interviewerin (offensichtlich bemüht zum Thema zurückzukommen): "solche Fälle passieren mit Frauen, die sehr freizügig leben." Viel freizügiger als Frauen das getan haben als sie (Interviewerin) zur Universität ging. Und diese Skandale haben ja auch oftmals am Campus und in der Medienwelt stattgefunden. (WTF) Also, dass Frauen etwas ausprobieren, das dann fürchterlich schiefgeht. (Wie bitte?!)

Dazu muss man (Frau Flasspöhler) natürlich wieder zweierlei sagen: zum einen gibt es auf den us-amerikanischen Campussen eine immensen Alkoholkonsum. Es ginge bei den Frauen (und den Männern) vor allem darum, sich komplett ins Koma zu saufen. Und die Autonomie, von der gerade gesprochen wurde, die hätte man dann sowieso nicht mehr. Und dann passiert etwas, das man im Nachhinein bereut. Das ist sowieso noch mal eine ganze andere Problemlage, findet Frau Flasspöhler. (Wie man sehen kann, ich transkribiere hier nur noch) Was das andere ist, das... finden wir nicht raus.

Interviewerin: Sehen sie eine neue politische Korrektheit rund um den Sex?
Flasspöhler: Sicherlich, wenn der Sex auf diese Art und Weise zunehmend verrechtlicht wird, in den USA gibt es ja mittlerweile nicht nur das Nein heißt nein sondern das Yes means Yes, d.h. man muss ständig wieder bejahen, dass man diese oder jene Sexualpraktik auch wirklich will (amüsiertes Grinsen, Lachen der Interviewerin im Hintergrund) – Wir erinnern uns kurz an das vorher zu Positivität gesagte – das reicht ganz tief in den Intimbereich hinein und die Gefahr ein Recht oder ein Gesetz zu überschreiten ist natürlich ständig gegeben (sic!), da muss man sich klar machen 'wie funktioniert denn Sexualität?', ist Sexualität überhaupt auf diese Art und Weise zu verrechtlichen.

Interviewerin (nachdenklich-philosophisch): Und zu beschreiben überhaupt... Oder muss man nicht sagen, das bleibt sehr individuell.

An der Stelle wird es dann sogar Frau Flasspöhler zu krass, sie bekräftigt dass es sich bei dem, was eine Vergewaltigung ausmache doch um etwas Überindividuelles handle. Aber man müsse die Gefahr berücksichtigen, dass sich die Gesellschaft in dieser Verrechtlichungsmanie (sic!) enterotisiere (sic!), und dass versucht werde, etwas zu verregeln, was sich auf diese Weise nicht verregeln lasse.

Ende des Interviews.

Was lernen wir daraus? Ja, genau, keine Kulturzeit auf 3Sat gucken.

Und vielleicht auch nicht erwarten, dass Philosophie heutzutage noch Liebe zur Weisheit bedeutet.

Ich habe ja echt schon viel Hanebüchenes zu dem Thema gehört und gelesen, aber so was, wie sich die Kulturzeit da geleistet hat, noch nicht. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man sich vermutlich schlapp lachen. Es ist aber leider so traurig, dass mir gar nicht nach lachen zumute ist.

Offensichtlich ist die deutsche Kulturlandschaft so, dass man sich hier in derart offensichtlicher Apologie von “Vergewaltigung als nicht mal Kavaliersdelikt” ergehen kann, ohne dass auch nur irgendjemand empört ist. Zwei scheinbar hochgebildete Frauen erzählen sich gegenseitig zusammenhangslose Ideologieversatzstücke, ohne wenigstens auf einen logischen oder kausalen Zusammenhang zu entwickeln. Bottom Line: Also Leute, vor allem an US-amerikanischen Unis und aus der Medienlandschaft, trinken bis zur Bewusstlosigkeit und schreien dann hinterher Vergewaltigung. Darum geht es bei der aktuellen Debatte ums Sexualstrafrecht. 
Für Aussagen mit solchem Tiefgang hätten die werten 'Journalisten' von der Kulturzeit auch am Stammtisch um die Ecke nachfragen können. Vielleicht wär da was Progressiveres rumgekommen.

Unglücklicherweise sind die Sachen, die angeblich philosophisch sein sollen, auch kein Stück besser oder avancierter. Z.B. die Geschichte mit der Negativität und dem Nein – wie oben schon angedeutet, erzeugt sich Identität überhaupt erst durch Negation. Wenn wir A in keine Relation zu Nicht-A zu setzen, bliebe es vollkommen undefiniert, gewissermaßen Alles und 'Nichts'. 

Es verhält sich also genau anders herum, als Frau Flasspöhler uns glauben machen möchte. Das Nein setzt überhaupt erst die Frau (oder den Menschen) als Subjekt. Ganz im bürgerlichen Sinne. Bürgerlich ist vielleicht noch nicht das Ende der Fahnenstange, aber nun mal derzeit alles, was wir haben. Jemand ohne das Recht auf Nein kann kein Subjekt sein, denn ohne das Recht auf Nein kann es auch kein Ja geben. Das ist echt grundlegendste Logik. Und wenn man schon mit so Begriffen wie Negativität und Nichts hantiert, dann sollte man das auch verstanden haben.

Genauso wie, dass die Negativität, mit der Weiblichkeit konnotiert ist, aus dem Ausschluß des Weiblichen aus der Subjektivität herrührt. Die Frau ist 'das Andere, das Nicht-Subjekt, das Objekt.'

Was den Bezug auf den Phallus angeht – der ist spätestens bei Lacan symbolisch aufzufassen. Der Mangel der Frau ist ein gesellschaftlich konstituierter, keiner der sich aus der Biologie ableiten ließe. Dieser Mangel wird unter anderem mit einem Mangel an Rationalität assoziiert und leider gibt es immer wieder Frauen, die beflissen sind, genau dieses Vorurteil zu reproduzieren, und sei es nur, indem sie anderen Frauen die Fähigkeit absprechen, eine Vergewaltigung als solche zu erkennen und zu benennen. Indem sie selber nicht trennen zwischen konsensuellem Sex und Vergewaltigung.

Ich meine, wie viel analytisches Verständnis braucht man wohl für diese Einsicht?! 

Kaylin hat dazu kürzlich ein Video bei den Busenfreundinnen verlinkt. Kann man auch ohne Uniabschluss in Philosophie verstehen. Dann vielleicht sogar besser.



Hey, ich bin george und schlecht darin, mich kurz zu fassen. Ich tummle mich mit multiplen Persönlichkeiten im Netz, einige kennen mich vielleicht unter meinem Terry Pratchett-Pseudonym. Zu meinen Hobbies gehört Nörgeln, Kaffeetrinken und Prokrastinieren. Mehr Persönliches gibt es im Jahresrückblick 2013 und auf meiner Vorstellungsseite. [x]

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